Analyse

Mit Thukydides auf der Bank: Warum brechen Kriege aus und warum dauern sie so lange?

Thukydides (um 454 bis 399/96) schrieb über den Krieg zwischen Athen und Sparta.

Thukydides (um 454 bis 399/96) schrieb über den Krieg zwischen Athen und Sparta.

Thukydides (um 454 bis 399/96) schrieb über den Krieg zwischen Athen und Sparta. Und zwar in einer neuen Weise. Er beschrieb weniger die Kämpfe zwischen den Helden, wie es Homer getan hatte. Sondern er behandelte den Peloponnesischen Krieg als eine historische Gegebenheit. Vielleicht hat der Trojanische Krieg auch stattgefunden, aber wahrscheinlich nicht als Folge eines Jux dreier Göttinnen. Mit «historisch» ist gemeint, dass Thukydides den Krieg als ein Ereignis sah, das eingebettet war in eine Konstellation anderer Ereignisse. Neu war sein Begriff der «Kriegsursache». Oder seine Unterscheidung zwischen «Ursache» des Krieges und «Anlass» zum Krieg. Man hat diese Begriffe bereits ausführlich strapaziert, als es darum ging, warum es 1914 zum Ersten Weltkrieg gekommen ist. Auch wenn man sie nicht immer wörtlich genannt hat. Und jetzt, wo wir des 30-jährigen Krieges gedenken, ist das Begriffspaar wieder aktuell geworden.

In der Schule hörte man, der 30-jährige Krieg sei ein Krieg zwischen Katholiken und Protestanten gewesen. Die Geschichte vom Simplex, Grimmelshausens «Simplicius Simplicissimus», führt uns auch klar vor Augen, wie schrecklich er gewesen ist. Der Unterschied zwischen den Konfessionen wird meist theologisch erklärt. Wie könnte man auch anders? Und dann ist die jugendliche Verständnisfähigkeit schnell überfordert: Wie kann daraus ein so schrecklicher Krieg entstehen? Man ist sich nicht ganz einig, wie man das Abendmahl verstehen soll, wobei die eine Deutung, dass der Wein das Blut Christi «ist» und das Brot der Körper, Jugendlichen des 20. und des 21. Jahrhunderts wohl prinzipiell nicht mehr unmittelbar zugänglich ist.

Zu Beginn eines Krieges fallen Leute aus dem Fenster

Deshalb erzählt der Lehrer die Geschichte vom Prager Fenstersturz. Und man erfährt vielleicht auch noch, dass der Kaiser auf der Seite der Katholiken war. Und irgendwann haben auch noch Schweden eingegriffen. Dass ihr König Gustav II. Adolf hiess und starb, weiss man aus der Novelle «Gustav Adolfs Page» von Conrad Ferdinand Meyer. Und ja, er focht für die Protestanten (Gustav). Warum das so lange dauerte und so schrecklich war, bleibt trotzdem unbegriffen.

Natürlich würde Thukydides Primar- und Bezirksschülern dabei wohl nicht viel helfen können. Am meisten hilft ihnen, wenn der Lehrer sagt: «Auch damals hatte die Schweiz Glück und blieb weitgehend vom Krieg verschont.» Um dann gleich vom Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein zu reden, der die Eidgenossenschaft aus dem Deutschen Reich gelöst hatte.

Dass aus einem «Anlass ein Krieg wird, lässt sich meist vermeiden

Die Ursache für den Peloponnesischen Krieg sah Thukydides darin, dass Athen immer grösser geworden sei. Sparta hätte dem nur mit einem Krieg begegnen können. Die These wurde vom US-Historiker Graham T. Allison aufgewärmt, der schrieb, China und die USA seien in der «Thukydides-Falle». China wächst und die USA . . . – aber vielleicht unterschätzt man die Weisheit des derzeitigen Präsidenten. Der Prager Fenstersturz wäre der «Anlass» zum Krieg gewesen. 1914, bei den Schüssen von Sarajevo, war man noch eher geneigt zu glauben, dass der Anlass irgendwie nichts gewesen sei, die globalen langfristigen Umstände in Europa aber zum Krieg führen mussten. Wir wissen, wie die Diplomatie 1914 versagte. Der 30-jährige Krieg hätte auch bereits 1620 mit der Niederwerfung der Böhmischen Stände spätestens enden müssen.

Man kann von Thukydides auf jeden Fall etwas lernen. Ereignisse werden verursacht und veranlasst. Historisch kann man gegen Anlässe nicht viel machen. Es passieren immer Dinge, die nicht passieren dürften. Gegen Ursachen könnte man aber schon. Nur wird es nicht oft getan. Entspannungspolitik bringt weniger Ruhm als Imponiergehabe. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass wir gerne Politiker wählen, die wie «richtige Männer» auftreten.

Übertragen wir Thukydides auf den Fussball. Die Ursache für Tore liegen in den eher basalen Elementen des Spiels: Technik, Kondition, Taktik, gewonnene Zweikämpfe etc. Die Anlässe sind dann Strafraumsituationen. Das Niveau der Spieler ist momentan sehr ausgeglichen. Wer demzufolge mehr Strafraumsituationen hat . . . Vielleicht dürfen wir uns über die Wiederkehr des langen Balls freuen.

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