Analyse

Kein Fussball, kein Eishockey, viele Fragen – was macht das mit uns, wenn der Sport-Spass plötzlich fehlt?

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin: «2020 ohne Olympische Spiele ist nicht wirklich verlockend. Doch mit jedem Tag, an dem sich das Corona-Virus weiter ausbreitet, wird dieses Szenario wahrscheinlicher.»

Etienne Wuillemin: «2020 ohne Olympische Spiele ist nicht wirklich verlockend. Doch mit jedem Tag, an dem sich das Corona-Virus weiter ausbreitet, wird dieses Szenario wahrscheinlicher.»

Eine Analyse von CH Media-Sportchef Etienne Wuillemin zur Verunsicherung in der Sportwelt wegen des Corona-Virus.

Das Leben ist trist. Virus hier. Skepsis da. Fragen überall. Für Sportliebhaber sind die Tage besonders schwierig. Fussball? Abgesagt. Eishockey? Abgesagt. Letzte Ski-Rennen? Vielleicht. Und kaum eine Minute vergeht, ohne dass die nächsten Fragen aufkommen. 2020 hätte doch ein so wunderbares Sportjahr werden sollen. Es soll in der Schweiz eine Eishockey-WM stattfinden (ab 8. Mai). Es soll eine Fussball-EM geben, quer durch Europa verteilt (ab 12. Juni). Es sollen Olympische Spiele stattfinden (ab 24. Juli).

Es sind grosse Träume von Millionen Sportlerinnen und Sportlern. Ein riesiges Spektakel für uns TV-Zuschauer. Und jetzt dominiert plötzlich die Sorge, dass unsere Vorfreude auf gemeinsame Erlebnisse in Stadien, in Public Viewings oder vor dem Fernseher leise erstickt. Natürlich, noch ist nicht der Zeitpunkt gekommen, um vorschnell das Schlimmste zu befürchten. Noch sind weder Eishockey-WM noch Fussball-EM oder Olympia abgesagt.

Und doch sind gewisse Beobachtungen interessant. Bis vor kurzem gab es rund um den Fussball-Zirkus immer wieder dieselbe Debatte: jene der Übersättigung. Viel zu viele Spiele!, hiess es. Und es gibt ja tatsächlich vieles in dieser Fussball-Blase, das man doof finden kann und an das man sich fatalerweise schon längst gewöhnt hat.

Sobald aber Spiele über Wochen ausfallen, merkt man, wie sehr man sie vermisst. Frei nach Loriot (und freilich etwas übertrieben) gilt: Ein Leben ohne Sport ist möglich, aber sinnlos. Warum ist das so? Der Sport hat in der Gesellschaft längst einen dominierenden Part eingenommen. Er ist für viele zum Ritual geworden, Woche für Woche. Es geht um Spass. Um Unterhaltung. Um Ablenkung auch.

Der Sport ist bei weitem nicht so wichtig und relevant wie die grossen, schweren Themen des Alltags in der heutigen Welt. Aber er ist eben doch so vielseitig und emotional, dass er fast alle in den Bann zieht. Ob Federer, die Nati oder die Lieblinge in den nationalen Fussball- und Eishockey-Meisterschaften, eines ist immer gleich: Wir Zuschauer haben die Möglichkeit, für einige Momente einzutauchen in diese Welt der grossen Gefühle. Die Möglichkeit auch, den Alltag für einige Zeit beiseitezulegen. Das gemeinsame Erleben eint dabei.

Immer im Mittelpunkt: die Hoffnung auf unvergessliche Erinnerungen. Eine Siegesserie wie in St. Gallen entfacht eine Euphorie, die überall im Alltag zu spüren ist. Beginnt der FC Luzern plötzlich wieder zu gewinnen, sind die Launen der Leute bis in jede Bäckerei zu spüren (und das Portemonnaie sitzt auch ein bisschen lockerer). Wird der FC Basel dagegen plötzlich nicht mehr Meister, oder lösen sich die Aarauer Aufstiegsträume in Luft auf, so schlägt sich das nieder auf die Launen im Volk.

Aber: Keine Möglichkeit haben, zu verlieren, ist um einiges schlimmer als das Verlieren selbst. Und Niederlagen schaffen das Potenzial für gemeinsames Verarbeiten. Das alles muss nun aussetzen. Vielleicht einige Tage. Vielleicht aber auch mehrere Wochen oder gar Monate.

Und darum lautet eine der aktuell spannendsten Fragen: Was passiert, wenn sich Menschen überall und über Wochen daran gewöhnen müssen, auf Spassveranstaltungen zu verzichten? Ob Fussballspiel, Fasnacht oder Konzertbesuch ist nicht einmal entscheidend. Nehmen wir alle das einfach so hin? Können wir uns freuen auf die viele Zeit, die uns dann plötzlich zur Verfügung steht? Oder kommt irgendwann der Moment, wo der Frust immer grösser wird, wo es unter den Gesunden und Genesenen plötzlich zu brodeln und gären beginnt? So sehr, dass daraus sogar Widerstand entsteht?

Die Vorstellung eines Jahres 2020 ohne Fussball-Europameisterschaft und Olympische Spiele ist nicht wirklich verlockend. Doch mit jedem Tag, an dem sich das Corona-Virus weiter ausbreitet, wird dieses Szenario wahrscheinlicher. Die Sehnsucht nach grossem Sport würde dadurch nur noch grösser.

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