Kommentar

Junge Erwachsene wohnen immer länger bei Mamma und Papa – was ist da los?

Filmplakat zu "Wir Eltern".

Filmplakat zu "Wir Eltern".

Der Film «Wir Eltern» läuft am 10. Oktober an. Er thematisiert eine bekannte Situation: Junge Erwachsene wohnen immer länger daheim. Warum? Weil sie es können. Meist sind die Eltern problemlos in der Lage, dem Nachwuchs den Unterschlupf zu gewährleisten. Weil sie es wollen? Das Problem liegt darin, dass die Gleichung «Haushalt = Familie» mächtig war. Aber für die eigene Familie fehlt der Jugend oft die wirtschaftliche und existenzielle sichere Position.

«Das geht zu weit! Ich werf’ dich raus!», schreit im Film «Wir Eltern» von Ruth Schweikert und Eric Bergkraut ein Vater seinen Sprössling an. Der Jugendliche bleibt cool. Er weiss, dass die Drohung leer ist. Schliesslich räumen die Eltern das Feld.

Der komische Effekt dieser Szene aus dem Film, der übermorgen in die Kinos kommt, stammt von der Nestmetaphorik. Das Nest – Wärme, Geborgenheit, Versorgtheit, Sicherheit – verlässt man nur unter Zwang. Der Kinderarzt und Buchautor Remo Largo kommentierte in der gestrigen NZZ: «In unserer Zeit haben wir die unnatürliche Situation, dass junge Erwachsene viel zu lange daheim wohnen.»

Das mag für Zeitgenossen, welche die Familie als eine quasi heilige Institution betrachten, frivol klingen. Wenn man diese Perspektive einnimmt, kann man fast nicht anders, als die gegenwärtige Entwicklung als Zerfall zu betrachten. Und das ist paradox, denn das ist das längere Verweilen des Nachwuchses im elterlichen Haushalt nicht unbedingt.

Wie kann man unterscheiden? Die Kernfamilie mit Mutter, Vater und Kindern ist eine soziale Institution, der man einen gewissen Charme natürlicher Gegebenheit nicht absprechen kann. Kinder haben einfach Eltern. Auf einem ähnlich soliden Boden steht, dass Monogamie und Privatbesitz miteinander einhergehen. Schliesslich will ja geordnet vererbt werden.

«Familie» und «eigener Haushalt» waren auch schon anders definiert

Die Kernfamilie lassen wir stehen. Dass sie eine moderne Erfindung und erst in der Industrialisierung als abgespeckte Variante der bäuerlichen Grossfamilie aufgekommen sei, wie man oft gehört hat, scheint die Sachlage nicht recht zu treffen. Man hat hier offenbar etwas verwechselt. Denn dass die Kernfamilie immer identisch gewesen ist mit dem eigenen Haushalt, das scheint neueren Datums. Wenn die Gründung einer eigenen Familie Haushaltfähigkeit voraussetzt, dürfte erst in der Früh-Industrialisierung wieder die Erwerbssituation so beschaffen gewesen sein, dass Söhne früher geheiratet und Töchter das Elternhaus demzufolge früher verlassen haben. Der Bedarf an Heimwerkern war da. Als ein Haushalt noch Land oder Kapital zur Reproduktion brauchte, dauerte das länger. Und es gab schlicht keine unvollständigen Familien. Auch für die bürgerliche Familie musste der Vater als Versorger eine existenzsichernde Erwerbsposition haben.

Dass es lange Zeit nur ein Einkommen brauchte, um eine Familie zu ernähren, verlieh der Gleichung den Heiligenschein der Natürlichkeit. Vater ist Versorger und Ernährer, Mutter ist Haushalt und Erziehung, und am Sonntag fährt die Familie mit dem Opel Rekord über Land.

Warum der Nachwuchs in der Regel danach trachtete, dieses Arrangement möglichst schnell zu verlassen und herauszukommen, liegt auf einem anderen Feld. Aber die Jungen landeten ohnehin bald in ähnlich gelagerten Umständen – einfach zu Beginn noch ohne Opel Rekord. Mit dem Abschluss einer Erstausbildung waren auch die elterlichen Pflichten übersichtlich und in nützlicher Frist zu erfüllen.

Aufgezwungene Selbstverwirklichung, aber wo ist eigentlich mein Selbst?

Industrie, Massenproduktion und Massenkonsum zementierten diese Zustände. Sie beinhalteten auch vordefinierte sichere Lebensläufe. Man musste nur zum richtigen Zeitpunkt richtig abbiegen. Mittlerweile hapert es etwas mit den Anschlüssen. Lebensläufe gibt es nicht mehr und schon gar keine vordefinierten mehr. Kaum ein Vater getraut sich mehr, dem Sohn vorzuschlagen, «etwas Solides zu lernen». Er wüsste gar nicht, was. Und dann will die nachrückende Generation ja auch ihre eigenen Erfahrungen machen. Bevor sie abbiegt. Und nach der Weltreise. Also wird das erst mal nichts mit dem eigenen Haushalt. Der Jugendliche bleibt vorerst bei der Familie. Im Haushalt der Eltern.

Dass die Identität von Familie (soziale Einheit) und Haushalt (Ökonomie) so etwas nicht aushält, ist klar. Die Psychologie hat darauf auch keine gute Antwort. Die Diagnose «Individualismus» ist zwar nicht falsch, aber erleuchtet auch nicht viel. Man sollte nicht die Freiheit der Wahl geben, während es die Anschlüsse, die man wählen sollte, nicht mehr gibt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1