Eine Nebenwirkung der steigenden Lebenserwartung ist, dass wir in der Schweiz immer mehr Alt-Bundesräte haben. Den 7 amtierenden stehen inzwischen 16 ehemalige Magistraten gegenüber. Ein neues Phänomen. In den Anfängen des modernen Bundesstaats kam es nicht selten vor, dass Bundesräte noch im Amt verstarben – so beispielsweise der 1848 gewählte Bundesrat Jonas Furrer, der erste Bundespräsident. Er wurde nur 56 Jahre alt.

Bei den ehemaligen Regierungsmitgliedern sprechen wir respektvoll von «Alt-Bundesräten», während wir frühere Wirtschaftsführer, Sportler und sonstige Prominente meist mit dem lieblosen Präfix «Ex-» versehen. Alt-Bundesräte, so scheint es, sind vom allgemeinen Autoritätszerfall verschont geblieben. Sie verhalten sich ihrerseits respektvoll; ihren Nachfolgern fallen sie nicht in den Rücken. Vielleicht geben sie der «Schweizer Illustrierten» anlässlich eines runden Geburtstages ein Interview, aber es fällt ihnen nicht
ein, sich in die Tagespolitik einzumischen. So war es bis vor wenigen Jahren.

Nachdem sich Ruth Dreifuss (SP) und Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) schlagzeilenträchtig für die Altersreform ausgesprochen hatten, platzte der FDP-Präsidentin und Reform-Gegnerin Petra Gössi nun der Kragen: In der «Tagesschau» plädierte sie für eine Regelung, wonach sich die Alt-Bundesräte «einheitlich verhalten» müssten. Ohne solche Regelung, so Gössis Befürchtung, drohe eine Art «Schattenregierung» der Ehemaligen. Bereits Widmer-Schlumpfs Intervention gegen die Unternehmenssteuerreform III hatte Gössi und viele andere Bürgerliche verärgert.

Dass ausgerechnet die Präsidentin der Liberalen eine Regulierung fordert, die man nur als Maulkorb verstehen kann, ist erstaunlich genug. Noch erstaunlicher wird die Forderung, wenn man in den Medienarchiven nachforscht, wie sich die 16 Alt-Bundesräte in der Öffentlichkeit verhalten. Die Hälfte von ihnen schweigt entweder eisern oder spricht grundsätzlich nicht über aktuelle politische Themen. Es sind dies:

▶ René Felber, SP, Rücktritt 1993
▶ Arnold Koller, CVP, 1999
▶ Flavio Cotti, CVP, 1999
▶ Kaspar Villiger, FDP, 2003
▶ Joseph Deiss, CVP, 2006
▶ Ruth Metzler, CVP, 2003
▶ Samuel Schmid, BDP, 2008
▶ Hans-Rudolf Merz, FDP, 2010

Dann gibt es eine Gruppe von 4 Alt-Bundesräten, die mehr oder weniger häufig in den Medien auftreten, dies aber in der Regel nicht zu politischen Tagesgeschäften:

▶ Elisabeth Kopp, FDP, Rücktritt 1989
▶ Adolf Ogi, SVP, 2000
▶ Pascal Couchepin, FDP, 2009
▶ Moritz Leuenberger, SP, 2010

Typischerweise handeln deren Interviews von Frauen in der Politik (Kopp), vom Neat-Basistunnel (Ogi), von Macht (Couchepin), oder sie sind philosophischer Natur (Leuenberger).

Es bleiben vier Ehemalige, die sich – in unterschiedlicher Dosierung und Tonalität – immer wieder in Abstimmungskämpfe einmischen:

▶ Ruth Dreifuss, SP, Rücktritt 2002
▶ Micheline Calmy-Rey, SP, 2011
▶ Christoph Blocher, SVP, 2007
▶ Eveline Widmer-Schlumpf, BDP, 2015

Diese vier sind es also, deretwegen sich Petra Gössi eine «Lex Alt-Bundesräte» wünscht. Bei der freisinnigen «NZZ», welche die Altersreform ebenfalls dezidiert ablehnt, stiess sie dabei auf Verständnis. Auch das erstaunt, denn dieselbe Zeitung publizierte im vergangenen Jahr eine viel beachtete Sommer-Serie, die aus lauter Interviews mit Alt-Bundesräten bestand. Sieben frühere Magistraten konnte die «NZZ» dafür gewinnen. Das zeigt, wie heuchlerisch die Kritik an den Auftritten von Alt-Bundesräten ist: Sie stören erst, wenn sie die «falsche» Meinung vertreten.

Besonders heuchlerisch ist es, wenn Medien die Alt-Bundesräte kritisieren. Diese drängen sich selten auf, sondern werden von den Journalisten zu Interviews eingeladen. Bisweilen entsteht ein Wettlauf: In welcher Zeitung spricht dieser oder jener Alt-Bundesrat zuerst? Wer sich an politisierenden Alt-Bundesräten stört, braucht sie einfach nicht mehr anzufragen. Doch das wird nicht geschehen, denn oft sind deren Interviews pointierter und ergiebiger als solche mit amtierenden Bundesräten, die ans Kollegialitätsprinzip gebunden sind und glauben, sich diplomatisch ausdrücken zu müssen.

Nein, wegen des sendungsbewussten Quartetts brauchen wir keine neue Regulierung. Der (Meinungs-)Markt löst dieses Problem von selbst: Wer zu viel plaudert, dem hört man nicht mehr zu und dessen Wort verliert an Gewicht. Barack Obama hat es vorgemacht: Er hielt sich monatelang mit Äusserungen über seinen Nachfolger Donald Trump zurück. Doch diese Woche kritisierte er ihn wegen seines Beschlusses zu jungen Einwanderern scharf. Er erzielte eine enorme Wirkung.