Kommentar

Flexible Preise bei den SBB: Ticket-Sonderfall Schweiz ist bedroht

Mit flexiblen Ticketpreisen wollen die SBB Pendlerströme lenken. Doch sie sind umstritten.

Mit flexiblen Ticketpreisen wollen die SBB Pendlerströme lenken. Doch sie sind umstritten.

Zur besseren Steuerung der Pendlerströme gibt es ein simples Rezept: flexible Preise – auch wenn damit eine lieb gewonnene, fast behagliche Gewissheit verloren geht.

Zu den scheinbar unverrückbaren Gewissheiten, welche die Schweiz bietet, gehören der Taktfahrplan und die Billettpreise. Die Welt mag aus den Fugen sein, aber unsere Züge fahren immer zur selben Zeit. Und wer von A nach B reist, egal um welche Zeit und an welchem Tag, weiss ganz genau, was er dafür zahlt. Böse Überraschungen wie fast überall sonst in Europa – etwa dass eine kurzfristig gebuchte Fahrt doppelt so teuer ist – erlebt man nicht. Dieser Sonderfall Schweiz ist bedroht. Grund dafür ist ein Luxusproblem der SBB: zu viele Kunden! Zu den Stosszeiten fehlt es an Sitzplätzen. Und das Netz ist derart dicht befahren, dass ein Zwischenfall wie gestern zwischen Olten und Bern den Pendlerverkehr kollabieren lässt. Auch in der Freizeit gibt es Kapazitätsprobleme. Am Wochenende mussten Bahnfahrer in Arth-Goldau aussteigen, weil die Züge ins sonnige Tessin überfüllt waren.

Die Prognose sei gewagt: Die Einheitspreise werden fallen. Zu Pendlerzeiten und zu Ferienbeginn wird es teurer, um die Kundenströme zu steuern. Die SBB möchten die Preisdifferenzierung, dürfen sie aber nicht im Alleingang einführen. Doch was wäre die Alternative? Ein milliardenteurer Ausbau der Infrastruktur, die ausserhalb der Stosszeiten nicht ausgelastet ist. Gemäss Bundesprognose steigen die Passagierzahlen in den nächsten 20 Jahren um sagenhafte 50 Prozent. Diese Zunahme lässt sich nur über flexible Preise bewältigen – auch wenn damit eine lieb gewonnene, fast behagliche Gewissheit verloren geht.

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