Deutschland im WM-Final. Es steht unentschieden, auch nach der Verlängerung. Mesut Özil ist der letzte Penaltyschütze. Macht er das Ding rein, ist Deutschland Weltmeister. Özil macht das Ding rein. Der Mann aus Gelsenkirchen, der sonst immer dreinschaut, als sei sein Hund von einem Auto überfahren worden, strahlt, wie er das zuletzt im Mai gemacht hat, als er dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ein Trikot überreicht hat. Aber wen kümmert jetzt noch die alte Geschichte? Özil ist Gott, äh, der neue Götze – Hauptsache, Weltmeistermacher. Liebkind von 80 Millionen Deutschen, Coverboy der erfolgreichen Integrationspolitik, Galionsfigur für Multi-Kulti-Deutschland und noch im verschwitzten Trikot gebusselt von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die andere Geschichte: Özil ist der letzte Penaltyschütze im WM-Final. Scheitert er, verliert Deutschland. Özil verschiesst. Der Ball fliegt zwar nur Zentimeter am rechten Pfosten vorbei. Aber diese paar Zentimeter gipfeln in einem kollektiven Schuldspruch: Opportunist, Paradebeispiel für missglückte Integration, nie mehr für Deutschland. Und als Beleg für die fehlende Identifikation mit Deutschland werden wieder die Bilder aus einem Londoner Hotel herumgereicht, die einen strahlenden Özil neben Erdogan zeigen. Support kann Özil nicht mal mehr vom Autokraten aus Ankara erwarten. Einerseits, weil dieser bekommen hat, was er wollte, und sich nicht gerne mit Verlierern zeigt. Und zu Hause, also in Deutschland, gehen Politiker auf Distanz und die Gesellschaft auf Konfrontationskurs.

Die Geschichte, die nicht mehr möglich ist: Özil hat Erdogan gar nie getroffen. Er verschiesst den entscheidenden Penalty im WM-Final. Ganz Deutschland macht ein typisches Özil-Gesicht. Aber keine Wut, kein Zorn. Kopf hoch, Junge. Kann passieren. Jeder macht mal Fehler. Wir sind trotzdem stolz auf dich.

Gewiss, das Leben ist ein Fehlerspiel. Mesut Özil und Ilkay Gündogan, sein Teamkollege in der deutschen Nationalelf, zielen gerade aufs eigene Tor. Sie treffen sich in London mit Recep Tayyip Erdogan, überreichen ihm ein Klub-Trikot. Gündogan kritzelt auf sein Manchester-City-Shirt: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.» Der Publikumsjoker ist futsch.

Händeschütteln, in die Kamera lächeln, Trikot überreichen: Die Aktion an sich ist harmlos. Blöd nur, dass der Mann mit der hohen Stirn Erdogan und nicht Macron oder Berset heisst. Wahrscheinlich ginge sogar Trump, aber nicht Erdogan. Warum? Weil er ein autoritärer, antidemokratischer Herrscher ist, weil seine Türkei für Repression und Willkür steht, weil er Menschenrechte missachtet, die Pressefreiheit aufhebt und vor allem – weil er Angela Merkel und andere Spitzenpolitiker in die Nähe der Nazis rückt.

Deshalb der kollektive Aufschrei im Bundestag: «Skandal! Der Präsident eines deutschen Nationalspielers heisst Frank-Walter Steinmeier.» Und das Volk schreit «Foul». Laut einer Umfrage der «WELT» finden 82,9 Prozent der Deutschen, dass Özil und Gündogan nicht nur einen Fehler gemacht, sondern ihrer Mannschaft einen Schaden zugefügt haben.

Prügel für die falschen

Natürlich ist die Empörung der deutschen Politiker jeder Couleur scheinheilig. Schliesslich sind sie es, die mit Erdogan einen Flüchtlingsdeal aushandeln. Kritik müssen sie zwar auch dafür einstecken. Aber nicht flächendeckend. Özil und Gündogan hingegen kriegen ausschliesslich Prügel. Gerecht ist das nicht, aber es entspricht den Spielregeln.

Es gibt in dieser Welt nicht viele Dinge, auf die sich die Mehrheit der Gesellschaft verständigen kann. Die Fussball-Nationalmannschaft gehört dazu. Und da erwarten wir, dass sich jeder Secondo mit dem Land und dessen Werten, das er repräsentiert, vollumfänglich identifiziert. Aber Identifikation, die Königsdisziplin der Integration, lässt sich weder amtlich verordnen, noch ist sie messbar und rational. Es kann in Multi-Kulti-Nationalteams wie der Schweiz oder Deutschland nie eine hundertprozentige Identifikation geben. Dessen ist sich das Publikum bewusst. Ein Fakt, den wir prima verdrängen können. So lange, bis wir auf den Schuhen eines helvetischen Nationalspielers neben der Schweizer auch die kosovarische Flagge entdecken. Dann ist Schluss mit lustig.

Fehler in der Nationalmannschaft sind unverzeihlich

Vielleicht ist die Empörung, die sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht, kleinkariert. Aber im Gegensatz zum Alltag, wo die Fussballer wie eine Ware hin und her geschoben und dahingehend sozialisiert werden, einzig auf den eigenen Profit bedacht zu sein, ist das Nationalteam eine ganz andere Geschichte. Da fliesst nicht Wasser, sondern Blut. Da verzeiht es keine Fehler. Mögen die deutschen noch so viele Waffen in die Türkei exportieren, mit denen Erdogan Krieg führt. Eine Marginalie im Vergleich zu einem Handschlag zwischen einem deutschen Nationalspieler und dem türkischen Präsidenten. So sind wir, so ist die Kraft einer Fussball-Nationalmannschaft. Kapiert, ihr kickenden Mitbürger mit Migrationshintergrund?