Erst verstand ich nicht, was die junge Frau mit dem strähnigen Haar meinte: Ob ich entflammt sei, «on fire»? Und das vor dem Waschmittelregal im Supermarkt? Überfordert allenfalls von der schieren Fülle des Angebots, aber entflammt? Nicht wirklich.
Ich hatte mir die Coupons aus der Sonntagszeitung ausgeschnitten, ein seltsam beruhigendes und irgendwie anachronistisches Ritual.

Die junge Frau, die sich als Rosie vorstellte, wusste nicht, was Coupons waren. Sie verglich die Angebote mit denen der diversen Schnäppchen-Apps auf ihrem Telefon und stellte fest, dass ich mehr sparen würde als sie.


«Aber wenn man den Preis der Zeitung einrechnet . . . nein, das geht nicht auf.»


Ich schnalzte mitfühlend mit der Zunge. San Francisco, wo dieses Gespräch stattfand, wo ich im Moment meine Zeit verbringe, ist die teuerste Stadt der Vereinigten Staaten. Die Techies, die Angestellten der Internetbranche sind wie eine Heuschreckenplage über sie hergefallen. Sie fahren in doppelstöckigen Bussen mit verdunkelten Scheiben zur Arbeit, sie verdrängen Familien und Künstler, Lehrerinnen und Krankenpfleger, Lieblingsbeizen und Kleintheater und viele meiner Freunde. Darüber haben wir uns vor zwanzig Jahren schon geärgert, als wir zum ersten Mal hier wohnten und es ist seither nicht besser geworden. Erst vor kurzem las ich die Schlagzeile: «Die Milliardäre fressen San Francisco bei lebendigem Leib!»

F.I.R.E = Finacial Independence, Retire Early -
finanziell unabhängig, früher in Rente


Doch in diesem Fall war mein Mitgefühl nicht angebracht: Stellte sich heraus, Rosie war eine von ihnen. Sie war auch nicht «on fire», sondern Teil der F.I.R.E. Bewegung: «Financial Independence, Retire Early.»

Und ich mit meinen Coupons? Nein, nie gehört. Ich schüttelte den Kopf. «Early» hatte ich längst verpasst und pensioniert werden Schriftsteller ohnehin nicht. Rosie liess sich nicht abwimmeln. Sie sah meine Unwissenheit wohl als Herausforderung. Im eindringlichen Ton eines Telefonverkäufers erklärte sie mir das Konzept: Wer fünfzig bis siebzig Prozent seines Einkommens spart, kann sich bereits mit Mitte dreissig zur Ruhe setzen. Das Ziel ist, das Fünfundzwanzigfache des Jahresbedarfes auf die Seite zu legen, in Rosies Fall wären das zweieinhalb Millionen.

Die meisten Amerikaner haben mit vierzig noch nicht einmal ihre mit Wucherzinsen belegten Studiendarlehen zurückbezahlt, geschweige denn genug gespart, um sich zur Ruhe zu setzen.
«Wir haben Selbsthilfegruppen», fuhr Rosie fort. «Du solltest kommen! Letzte Woche ging es um die Frage, ob man besser sieben Garnituren Unterwäsche kauft und nur einmal die Woche wäscht, oder nur eine und dafür jeden Tag wäscht . . .»

«Ähhhh – hmmm . . .» Irgendwie hatte ich mir das Leben der Internetbarone etwas anders vorgestellt. Ich hatte von Zwanzigjährigen gehört, die ganze Mehrfamilienhäuser kauften und bar bezahlten, die alle Mieter rauswarfen und ganze Stockwerke in Minigolfanlagen umwandelten. Die so lebten wie Tom Hanks in «Big», achtjährige Jungen in Männerkörpern, mit den Geldbeuteln und der Macht von korrupten Politikern.

Sparen, sparen - und dann aufs Land und Kinder und Hunde ...


Von zwanghaftem Sparen, von abgezählten Unterhosen und abgestandenen Brötchen aus der Kantine hörte ich zum ersten Mal.

«Natürlich, mit zweieinhalb Millionen kommst du in dieser Stadt nicht weit. Aber ich will ja eh weg. Ich will aufs Land, ich will Hunde haben. Und Kinder. Mit Mitte dreissig liegt das noch drin. Jetzt kann ich mir das nicht leisten. Weisst du, was Kinder kosten?» Ich musste lachen. Ja, das wusste ich. Allerdings. Ich war mit 24 zum ersten Mal Mutter geworden, ohne Geld, ohne Job, ohne Mann und ohne Wohnung. Acht Monate lang lebten wir bei meiner Mutter, dann ging es aufwärts. Ich hatte nie vorausgeplant, nie vernünftig entschieden und es ging doch immer irgendwie und irgendwie immer gut. Ich hatte mal mehr Geld und mal weniger, aber ich wollte nie etwas anderes als Schreiben - und ich kann mir nicht vorstellen, je damit aufzuhören. Doch das würde Rosie nicht verstehen.

Und plötzlich tat sie mir leid. Nicht nur Rosie, sie alle taten mir leid, die ganze Heuschreckenarmee. Wie musste es sich anfühlen, vom ersten Arbeitstag an den letzten herbeizusehnen? Das Leben aufzuschieben, bis der Kontostand eine magische Zahl erreicht hatte? Sich die einfachsten Freuden zu versagen im Hinblick auf eine Zukunft, die möglicherweise gar nie eintreten würde?

«Hier.» Ich gab ihr meine Coupons. «Ich glaube, du brauchst sie nötiger als ich.»

Milena Moser Die Schriftstellerin zog 1998 mit ihrer Familie für acht Jahre nach San Francisco. Zurück in der Schweiz gründete sie eine «Schreibschule». 2015 zog sie erneut in die USA, diesmal nach New Mexico.