Kommentar

Die Corona-App verweigern, aber sich auf Facebook entblössen

Die Schweizer Corona-App schützt Daten deutlich besser als Facebook und Co.

Die Schweizer Corona-App schützt Daten deutlich besser als Facebook und Co.

Eine Polemik zum widersprüchlichen Umgang mit dem Smartphone.

Eine knappe Million Schweizerinnen und Schweizer lassen sich mit der App «Swisscovid» überwachen. Vom Bundesamt für Gesundheit. Freiwillig, wenn auch nicht ohne Druck: Vergangene Woche haben viele sogar per SMS eine Empfehlung zum Download gekriegt.

Eine Million aktivierter Apps – das heisst auch, dass fast acht Millionen die App nicht benutzen. Einige werden es noch tun, andere haben kein passendes Smartphone. Doch es gibt auch diejenigen, die sich bewusst der Überwachung entziehen wollen. Denn wer garantiert, dass tatsächlich keine Daten zentral gespeichert werden? Dass der Standort der Smartphones tatsächlich nicht abgerufen wird? Es ist immerhin eine «Tracing App», und «tracing» heisst wörtlich: Überwachung.

Kritische Stimmen zur App sind in den sozialen Medien zu finden. «Niemals kommt die auf mein Handy! Der Datenschutz kann trotz dezentraler Speicherung nicht garantiert werden», schreibt zum Beispiel D. M.* aus T. auf Facebook. Auf einem Portal also, das alle Daten zentral abspeichert. So etwa das Porträtfoto von D. M. und die Reiseroute seiner Karibikferien vom 5. bis am 20. April 2014. Sollte sich jemand für M.’s Kontakte interessieren, findet sich bei den Kommentaren und «Gefällt mir»-Klicks eine ansehnliche Liste. Mit Namen, aber ohne Zufallskontakte – und damit weit aussagekräftiger als die von «Swisscovid» erfassten Kontakte.

Das Facebookprofil von D. M. ist öffentlich einsehbar. Dass er dies in den Einstellungen nicht geändert hat, zeugt von einem eher unbedachten Umgang mit seinen Daten. Möglich, dass er zu jenen Smartphone-Nutzern zählt, welche die von «Google Maps» empfohlene Standortverlauf-Funktion auf dem Smartphone aktiviert haben. Und damit Google mit jenem Standorttracking beauftragen, dass sie bei «Swisscovid» vermeiden wollen.

Auch K. D.* aus G. wird die App nicht herunterladen. Der Maler mag Hunde und den Fussballclub SSC Napoli, sein Heimatort ist F. im Aargau, sein Onkel heisst F. D. Bei Facebook hat er ein falsches Hochzeitsdatum angegeben, das korrekte ist im Profil seiner Frau N. zu finden. F. D. nutzt auch Whatsapp – jedes Wort, jedes Emoticon, das er dort sendet und empfängt, wird von Facebook gespeichert.

Umso mehr braucht es waches Denken und kritische Recherche, wie es D. M. auf Facebook fordert. Doch wer für die Recherchen Google verwendet, gibt damit weit mehr über sein oder ihr Leben preis als mit der Schweizer Corona-App. Und dies einem gewinnorientierten privaten Konzern.

Die SMS mit der App-Empfehlung kamen vergangene Woche übrigens nicht vom Bund, sondern von der Swisscom. Der Bund kennt die Natelnummer von K. D. nicht. Solange sich keine Beamtin oder kein Beamter die Mühe macht, im Telefonbuch nachzusehen.

*Namen und Orte der Redaktion bekannt. Alle persönlichen Details stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen.

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