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Die beste Antwort auf die Coronamüdigkeit

Abstand halten ist nach wie vor geboten, doch die Corona-Regeln lockern sich. (Symbolbild/Archiv)

Abstand halten ist nach wie vor geboten, doch die Corona-Regeln lockern sich. (Symbolbild/Archiv)

Die Freude über die Lockerungen, die der Bundesrat beschlossen hat, blieb aus. Noch nie während dieser Pandemie erntete der Bundesrat so viel Kritik wie am Mittwoch. Trotzdem war der Schritt richtig – der Wochenkommentar.

Man kann die Situation positiv betrachten: Kinder und Jugendliche gehen wieder in die Schulen, die Pendler reisen in vollen Zügen, wir tanzen in Clubs, demonstrieren und reisen ins Ausland. Das Leben fühlt sich in vielen Bereichen wieder so an wie Anfang Jahr. Die Frage lautet nicht mehr: was ist erlaubt? Sondern, was ist noch verboten? Auf Bundesebene bald nichts mehr.

Der Bundesrat will ab dem 1. Oktober wieder Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Leuten zulassen. Allerdings mit Regeln: Die Veranstaltungen brauchen strenge Schutzkonzepte und eine Bewilligung des Kantons. Gewiss, es gibt noch die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr und neu auch in Flugzeugen. Zudem müssen Leute, die aus Risikoländern einreisen, in die Quarantäne. Doch mit der 1000er-Regel fällt der letzte scharfe Eingriff des Bundesrates in dieser Corona-Pandemie. Die Verantwortung liegt nun tatsächlich bei den Kantonen (und natürlich bei der Bevölkerung). Es wäre ein erfreulicher Moment gewesen, zumindest für alle jene, die in den letzten Monaten die Machtfülle des Bundesrates kritisiert hatten. Doch wohl noch nie während dieser Pandemie erntete der Bundesrat so viel Kritik wie am Mittwoch.

Die Mehrheit der Kantone hatte auf eine Verlängerung der 1000er-Regel bis Ende Jahr gedrängt. Sie machten gute Miene, forderten einzig national einheitliche Bewilligungskriterien für Grossanlässe und äusserten sich ansonsten diplomatisch, wie es die Situation eben erfordert. Ein Streit zwischen Bund und Kantonen ist das Letzte, was die Schweiz in dieser Situation gebrauchen kann. Auch wenn es offensichtlich ist, dass das Zusammenspiel in dieser «besonderen Lage» gemäss Epidemiengesetz, in der sich die beiden Staatsebenen die Kompetenzen teilen, noch nicht sonderlich gut eingespielt ist.

Erst vor zwei Wochen warnte Pascal Strupler, Chef des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), in einem schlecht vorbereiteten Auftritt vor einer «epidemiologische Trendwende», wollte die Kantone «wachrütteln» und empfahl eine Maskenpflicht für Läden. Und nun lockert die Landesregierung weiter – gegen den Willen der Kantone.

Und doch ist der Entscheid des Bundesrates richtig. Die 1000er-Regel passt nicht mehr zur heutigen Lage. Sie ist zu holzschnittartig. Wir haben seither einiges über das Virus gelernt. Das Gesundheitssystem steht nicht kurz vor dem Kollaps. Wir haben ein differenzierteres Bild von Veranstaltungen, die unterschiedliche, verhältnismässige Massnahmen erlauben: ein klassisches Konzert ist etwas anderes als ein Rockkonzert, eine Fachmesse etwas anderes als eine Publikumsmesse, und selbst in grossen Sportstadien gibt es Möglichkeiten, die Risiken für Ansteckungen einzuschränken respektive die Rückverfolgbarkeit im Falle einer Ansteckung zu ermöglichen.

Was es aber braucht, sind rigide Schutzkonzepte, die Möglichkeit, dass ein Kanton eine Bewilligung auch verweigern kann und ein Ausbau der Contact-Tracing-Kapazitäten. Letzteres ist notwendig, um Ansteckungsketten zu unterbrechen. Es ist die Achillesferse in der Pandemiebekämpfung.

Die 1000er-Grenze wird erst per 1. Oktober aufgehoben. Im tiefen Herbst. Bis dann kann noch einiges passieren, und es bleibt Zeit zu reagieren. Der Bundesrat hat das Risiko also wohl dosiert.

Neue Normalität, Unsicherheit aushalten, mit dem Virus leben lernen, Verantwortung wahrnehmen – es sind Wendungen, die wir in den letzten sechs Monaten oft gehört haben. Für manche klingen sie abgedroschen, doch sie beschreiben die Situation vortrefflich. Nach diesen Krisenmonaten ist eine gewisse Müdigkeit nicht von der Hand zu weisen, die wirtschaftliche Lage ist ungemütlich, die Sehnsucht nach Klarheit und Sicherheit verständlich. Doch diese kann niemand bieten, weder der Bundesrat noch die Kantone. Das föderale System erlaubt es immerhin, dort scharfe Massnahmen zu ergreifen, wo es nötig ist, und dort möglichst viele Freiheiten zu gewähren, wo es möglich ist. Das ist die beste Antwort auf die zunehmende Coronamüdigkeit.

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