Nach fünf Monaten USA – dies ist meine letzte Post aus Boston – masse ich mir nicht an, Land und Leute zu durchschauen. Es ist wie so oft im Journalismus, wenn man sicher länger mit einem Thema befasst: alles etwas komplizierter! Vieles, was man über Amerika sagt, ist wahr – und gleichzeitig falsch.

Beginnen wir beim Fussball. Ja, die USA sind eine Fussballwüste, von der WM spürt man in Boston kaum etwas. Aber: Es gibt durchaus fussballbegeisterte Regionen. Der FC Atlanta bringt es auf einen Zuschauerschnitt von fast 50 000. Und Frauenfussball ist in Amerika wesentlich populärer als in Europa. Wissen Sie, wer amtierender Weltmeister ist? Richtig, die Amerikanerinnen.

Ein Klischee besagt, dass sich die Amerikaner ungesund ernähren und übergewichtig sind. Dass das stimmt, weiss jeder, der hier schon U-Bahn gefahren ist. Doch es ist nur die halbe Wahrheit. Der durchschnittliche Body-Mass-Index dürfte an dem Uni-Institut, wo ich arbeitete, ähnlich sein wie im AZ-Newsroom. Und in grossen Supermärkten sind die Regale mit Bio-Produkten länger als in jeder Coop- oder Migros-Filiale.

Und dann natürlich die Politik. Es heisst: Trump-Fans sind weisse, minderbemittelte und ausländerfeindliche Männer. Sicher, die gibt es. Aber auch hier stören persönliche Erfahrungen bequeme Gewissheiten. Wir haben eine aus Brasilien stammende Familie mit drei Teenager-Kindern kennen gelernt, sehr gut ausgebildet und sozial eingestellt, die Trumps Politik für richtig hält. Und Harvard ist überwiegend gegen Trump, aber selbst hier wagt es ein Professor, dessen Politik – auch am TV – regelmässig zu verteidigen.

Das in Europa vielleicht meistgehörte Klischee: Mit Amerikanern kommt man schnell ins Gespräch und sie sind sehr oberflächlich. Zumindest für unser Einfamilienhaus-Quartier am Stadtrand von Boston gilt weder das eine noch das andere. Unsere Nachbarn wirkten reserviert, wir lernten sie erst nach drei Monaten kennen. Sie sind alles andere als oberflächlich. Ob das im mittleren Westen oder in Kalifornien anders wäre? Die USA sind ein riesiges Land, «den Amerikaner» gibt es nicht. So verschieden wie die Landschaften sind auch die Menschen und die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Mentalitäten. Als Schweizer kann uns das nur gefallen.