Kommentar

Die 2010er gehen zu Ende: Es war ein Jahrzehnt der Extreme – aber war es gut?

Silvester-Feuerwerk am Zürichsee: Ein Jahrzehnt der grossen Umwälzungen neigt sich dem Ende zu. Grund zum Feiern?

Silvester-Feuerwerk am Zürichsee: Ein Jahrzehnt der grossen Umwälzungen neigt sich dem Ende zu. Grund zum Feiern?

Nicht nur ein Jahr, auch eine Dekade neigt sich dem Ende zu. Sie brachte gewaltige Umwälzungen mit sich, wie kaum ein früheres Jahrzehnt. Überwiegt das Positive oder Negative? Die Analyse des «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktors.

Wie bedeutend Veränderungen sind, lässt sich oft nicht schon nach einem Jahr ermessen. Wer hätte 2009 gedacht, dass die Erfindung des Smartphones unser Leben und unseren Alltag – Beziehungen, Job, Kindererziehung und Reisen – derart prägen würde?

Die CH-Media-Zeitungen starten heute eine zehnteilige Serie zum ablaufenden Jahrzehnt, und als wir auf der Redaktion darüber diskutierten, waren wir uns schnell einig: Es war eine der rasantesten Umbruchphasen überhaupt. Diese Wahrnehmung ist zunächst mit Vorsicht zu geniessen. Denn der Mensch neigt dazu, Ereignisse der jüngeren Vergangenheit für viel einschneidender zu halten als frühere.

Interessanterweise teilen jedoch auch ältere Zeitgenossen diese Wahrnehmung. Zum Beispiel Oswald Grübel, 74, der vor zehn Jahren die am Abgrund stehende Grossbank UBS rettete. Für ihn sind es vor allem die technologischen Entwicklungen, verbunden mit einer historisch einmaligen Phase des billigen Geldes (Null- und Negativzinsen), die diese Periode auszeichnen.

Die Finanzkrise bereitete das Terrain für Trump und Brexit

An ihrem Beginn steht die schlimmste Wirtschaftskrise seit den 1920er-Jahren: Die Hypo- und die Finanzkrise, die in den USA begann und in eine globale Schuldenkrise mündete. Es gibt die plausible These, dass ihre Folgen für den kleinen Mann und die kleine Frau das Terrain bereiteten für die grössten politischen Disruptionen dieses Jahrzehnts: Trump und Brexit.

Diese Wirtschaftskrise liegt weit zurück, sie ist beinahe vergessen. Die Generation der 15- bis 20-Jährigen, die als «Klimajugend» gerade Geschichte schreibt, hat noch nie bewusst eine Rezession erlebt. Das erklärt durchaus einen Teil ihrer Politisierung und ihres Engagements. Die eher abstrakte Bedrohung der Klimaerwärmung würde kaum derart mobilisieren, hätte diese Generation erfahren, wie es ist, wenn die Eltern oder nahe Freunde den Job verlieren oder das Haus verkaufen müssen. Doch nach zehn Jahren Aufschwung ist klar: Irgendwann wird die nächste Rezession kommen.

Chinas unheimlicher Aufstieg

Auch ohne solche hat sich vieles verschoben. China ist auf fast unheimliche Art und Weise erstarkt – ökonomisch, politisch, zunehmend auch militärisch. Der islamistische Terrorismus hat sich ausgebreitet und wurde jüngst zum Glück wieder zurückgedrängt. Die Frauen sind weltweit aufgestanden: Dass der Hashtag #MeToo zum Symbol dafür wurde, sagt zugleich etwas über die Kraft der Frauenbewegung aus wie über die Bedeutung der sozialen Medien.

Überhaupt wurde viel protestiert und demonstriert. In der Schweiz dürfte der Frauenstreik dazu beigetragen haben, dass die Wahlen zu einem höheren Frauenanteil führten. International – vom Arabischen Frühling zu Beginn der Dekade bis zu den Kundgebungen in Hongkong der vergangenen Wochen – wurde die Macht der Strasse offenkundig, und dies ausgerechnet im digitalen Zeitalter.

Eine junge Generation, die Hoffnung macht

Es war also zweifellos ein Jahrzehnt der fundamentalen Veränderungen, aber war es ein gutes Jahrzehnt? Es hätte schlimmer kommen können Auch wenn vor allem die Negativschlagzeilen haften bleiben: Grosse Kriege gab es nicht, die Armut hat weltweit abgenommen, die Lebenserwartung ist gestiegen, die Medizin erzielte auf verschiedenen Gebieten Durchbrüche, und die Arbeitslosigkeit befindet sich in vielen Ländern auf Tiefstständen.

Es wächst eine Generation heran, die engagierter und weniger gleichgültig ist als diejenige vor ihr. Das stimmt mit Blick auf das neue Jahrzehnt durchaus zuversichtlich.

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