Es war ein kalter Abend im Dezember 2003, als ein paar Studenten im Berner Mattequartier, am Weihnachtsstand von Toni Brunners Freundin Esther Friedli, einen Glühwein tranken. Später landeten sie in der Wohnung des Paars, wo sich Toni Brunner für ein längeres Telefonat mit Christoph Blocher ausklinkte. Der SVP-Übervater war wenige Tage zuvor in den Bundesrat gewählt worden – und das Gremium hat ihn zur Übernahme des ungeliebten Justizdepartements verdonnert. Brunner tobte, fluchte über die Winkelzüge der Konkurrenz, litt mit seinem grossen Vorbild mit, beruhigte ihn am Telefon.

Brunner und sein inniges Verhältnis zu Christoph Blocher: Ohne den Zürcher Milliardär wäre der St.Galler Bauernsohn im Frühling 2008 nie Präsident der grössten Partei der Schweiz geworden.

Der Toggenburger übernahm das Zepter in einer heiklen Phase. Blochers Abwahl aus dem Bundesrat brachte die SVP aus dem Tritt. Die BDP spaltete sich ab. Viel Energie verpuffte beim Kampf gegen das neue Feindbild Eveline Widmer-Schlumpf, der «Verräterin» aus dem Bündnerland.

In dieser Phase entpuppte sich Brunner, der dauerlächelnde Sympathikus aus den Voralpen, als Glücksfall für die wütende Partei. Brunner emanzipierte sich vom Ziehvater und wurde zu einem neuen Aushängeschild. Unterstellungen, er sei bloss des Herrlibergers Schosshündchen, erwiesen sich alsbald als haltlos. Bodenständig, charmant, politisch ausgebufft – Brunner stieg heimlich in die Liga der Spitzenpolitiker auf, wurde eine Marke.

Toni Brunner tritt zurück

Toni Brunner tritt zurück

Nach 23 Jahren im Nationalrat, hat der SVP-Mann genug. Per Ende Jahr verabschiedet sich der 44-Jährige von der Politbühne.

Carweise pilgerten SVP-Fans in den Landgasthof Sonne ob Ebnat-Kappel, Brunners Beiz, die sich zum inoffiziellen Hauptquartier der SVP entwickelte. Brunner, der Popstar, der Traumschwiegersohn vieler konservativer Landmenschen, der volksnahe Tribun einer nationalistischen Bewegung. Brunner war nie ein Blender. Dafür kam er aus zu einfachen Verhältnissen. Brunner war auch nie ein Simpel, für den ihn urbane Intellektuelle hielten.

Ausgestattet mit einem sicheren politischen Riecher und der Gabe, komplizierte Sachverhalte einfach und verständlich auf den Punkt zu bringen, war Brunner während Jahren die beste Lokomotive, die sich die Rechtspartei wünschen konnte.

Keiner verstand es besser, antieuropäische und fremdenfeindliche Sprüche mit dem silbrigen Mäntelchen der Harmlosigkeit zu umhüllen. Keiner beherrschte die Technik, den Gegner vor laufender Kamera an die Wand zu drücken besser als der streitlustige Charmebolzen aus dem Toggenburg. Brunner war ein Rechter, der niemandem Angst machte und gerade deswegen ein idealer Verkäufer populistischer Inhalte war. Unter seiner Ägide fuhr die Partei das beste Resultat der Geschichte ein: 29,4 Prozent Wähleranteil bei den Nationalratswahlen 2015.

Brunner gelang nicht alles. Zwei Mal scheiterte er beim Versuch, einen Ständeratssitz zu erobern. Beim zweiten Anlauf zog Brunner gegen Gewerkschaftsführer Paul Rechsteiner den Kürzeren. Ein Zeichen dafür, wie stark Brunner selbst im bürgerlichen St.Gallen als Spaltpilz wahrgenommen wurde. Wie verletzt Freisinnige oder Christlichdemokraten waren, die lieber einen Linken wählten.

Überhaupt: Die Ostschweiz. So sehr Brunner sein Toggenburg liebt , es entwickelte sich nie ein enges Verhältnis zwischen dem Landesteil und einem seiner bekanntesten Söhne.

Brunner war dafür zu sehr Parteisoldat. «SVP first» lautete seine Devise. Und die kantonale Politik hat ihn nie wirklich interessiert.

Nun wird der 44-Jährige Politrentner, nach 23 Jahren im Bundeshaus. Wie andere ehemalige Jungstars seiner Generation – etwa die SP-Frauen Pascale Bruderer und Ursula Wyss. Auch wenn Brunner nach seinem Rücktritt als Parteichef 2016 zum Hinterbänkler mutierte: Die St.Galler SVP verliert ein Zugpferd, das sie so rasch nicht wird ersetzen können.