Pandemie
Spontane Partys und Gelage: Frankreich entdeckt das Savoir-Vivre neu und die Regierung warnt vergeblich

Frankreichs Jugend feiert bereits das Ende der Covid-Krise. Die Regierung warnt vergeblich, denn der Nachholbedarf der Nation ist zu gross.

Stefan Brändle, Paris
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«Tut das gut, Dampf abzulassen»: Frankreichs Jugend ist in Feierlaune.

«Tut das gut, Dampf abzulassen»: Frankreichs Jugend ist in Feierlaune.

Bild: Imago (Paris, 12. Juni 2021)

Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin, sonst bekannt für markige Worte, verordnete seinen Polizisten für einmal «Milde»: Nach dem EM-Spiel Frankreich-Deutschland sollten die Uniformierten ein Auge zudrücken, wenn sich die Fussballfans nach dem Barbesuch nicht an die Ausgangssperre von 23 Uhr hielten. In Wahrheit hatte die Regierung gar keine Wahl.

Im ganzen Land kommt es seit Tagen zu spontanen Partys, Happenings und Gelagen. «Liberté!» («Freiheit») riefen ausgelassene Jugendliche um Mitternacht auf dem Vorplatz des Invalidendoms. Andere folgten am Wochenende den Seine-Ufern oder tanzten in der Rue de Rivoli den Pogo. «Tut das gut, Dampf abzulassen!», schrie einer dazu.

«Entdecken wir wieder, was unsere Lebenskunst ausmacht!»

In Frankreich hat die Stimmung binnen weniger Tage umgeschlagen. Vorbei die nationale Depression, die der Psychiater Serge Hefez diagnostiziert hatte, mit Selbstmorden und Sekteneintritten. Lieber sitzt man bei sommerlichen Temperaturen bis spät abends auf den Terrassen, geht ins Kino oder Theater.

Auslöser des Umschwungs war der Präsident himself. «Entdecken wir wieder, was unsere Lebenskunst ausmacht!», begeisterte sich Emmanuel Macron auf einer Caféterrasse, wo er den obligaten Nachsatz fast vergass: «Natürlich unter Einhaltung der Distanzregeln.» Als ein Halbfinalspiel am Tennisturnier Roland-Garros bis in die Covid-Sperrzeit nach 23 Uhr dauerte, gab ein Sprecher bekannt, die Gäste könnten auf Erlaubnis «von höchster Stelle» – zweifellos des Staatspräsidenten – bis zum Spielende bleiben.

Die Polizei hält sich auch andernorts zurück. Solange die Festfreude nicht in Alkoholexzesse umschlägt, versucht sie, die Aufläufe mit gutem Zureden aufzulösen.

Vor den Wahlen nur nicht die Jungen vergraulen

Zugleich müssen die Behörden auf der Hut bleiben. Bei den meisten Freiluftpartys sind Schutzmasken rar geworden. Covid-Regierungsberater Jean-François Delfraissy räumt ein, dass es «sehr schwierig sein wird, die Maskenpflicht im Freien über den Monat Juni hinaus aufrechtzuhalten». Die Zeitung «L’Opinion» applaudiert: «Die Maskenpflicht in den Läden und Zügen wird umso besser befolgt, wenn man sie gleichzeitig im Freien aufhebt.»

An dem kommenden Wochenende sind Lokalwahlen, und Macrons Partei La République en Marche will es mit den Jungwählern nicht verderben. Einer hatte den Präsidenten vor Wochenfrist bei einem verkappten Wahlauftritt geohrfeigt. Zufall oder nicht – seither hat sich Macron nicht mehr kritisch über die Lage im Land geäussert.

Macron weiss, dass die fast schon euphorische Stimmung schnell wieder umschlagen kann. Nicht alle Bürger sind in Fest- oder Ferienlaune. Im Grossraum Paris sind die Verkehrsstaus länger denn je – am Dienstag insgesamt 446 Kilometer. Denn wegen der Covid-Krise verzichten viele Pendler weiter auf die öffentlichen Verkehrsmittel. Und auch die Rückkehr an den Arbeitsplatz wird nicht überall geschätzt.

Unzufrieden sind auch die Gegner einer gar nicht so nebensächlichen Sache – der Wangenküsschen. «Mit der Pandemie glaubten sie, dass das französische Ritual der ‹Bise› endgültig der Vergangenheit angehöre, wie früher das Rauchen im Zug», schreibt die Kolumnistin Guillemette Faure. Siebzehn Monate lang habe man Kollegen und Freunde mit Verweis auf Covid-19 auf Distanz halten können. Höchstens noch am Ende ihrer E-Mails habe man ein vertrauliches «Bises» hingesetzt.

Wangenküsschen und der schlechte Atem

Nun drohe die Rückkehr des Wangenküsschens «und damit des schlechten Atems im Gesicht und der ineinander verhakten Brillen», schreibt Faure. Die Regierung ist nicht unschuldig an der Rückkehr der alten Gewohnheit: Schon im Januar, als die Viruskrise grassierte, hatte Minister Véran seinen Landsleuten Mut zu machen versucht, indem er prophezeite: «Der Tag, an dem wir die Masken ablegen und uns wieder die Hand geben oder Wangenküsschen tauschen können – er wird in die Geschichte der Menschheit eingehen.»

Das Comeback der Bise ist aber noch nicht sicher. Laut dem Psychosoziologen Dominique Picard «müssen die Begrüssungsrituale erst wieder neu erfunden werden». Wer allergisch auf la Bise ist, kann immerhin in die äusserste Bretagne auswandern: Im Departement Finistère besteht der Brauch in einem Küsschen. Generell sind in Frankreich zwei üblich. In einzelnen Gegenden des Südens tauscht man aber sogar drei Bises aus, nördlich der Loire sogar vier.