Wirecard
Wladimir Putins Geheimdienst versteckt wohl Milliardenpleitier Jan Marsalek in Russland – Deutschland fordert Auslieferung

Jan Marsalek gilt als Drahtzieher hinter einem der grössten deutschen Wirtschaftsskandale rund um die insolvente Wirecard. Er soll sich in Moskau verstecken – geschützt von Putins Geheimdienst. Deutsche Behörden fordern Marsaleks Auslieferung. Vermutlich vergebens.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Suche nach dem mutmasslichen Milliardenbetrüger: Jan Marsalek auf einem Fahndungsplakat der Polizeibehörden.

Suche nach dem mutmasslichen Milliardenbetrüger: Jan Marsalek auf einem Fahndungsplakat der Polizeibehörden.

Polizei Sachsen

Jan Marsalek ist einer der meistgesuchten Männer weltweit. Der ehemalige Manager des im Juni 2020 pleitegegangenen deutschen Finanzdienstleisters Wirecard befindet sich seit fast zwei Jahren auf der Flucht. Der heute 42-Jährige setzte sich nach Bekanntwerden des gigantischen Wirtschaftsbetrugs Mitte Juni 2020 über Österreich nach Weissrussland ab. Dort verlor sich zunächst seine Spur.

Recherchen der «Bild»-Zeitung zeigen nun, dass der mutmassliche Milliardenbetrüger in komfortabler Umgebung 25 Kilometer ausserhalb Moskaus zumindest vorübergehend ein Versteck gefunden hat. Marsalek soll vom russischen Geheimdienst FSB geschützt sein. Ob sich Marsalek heute noch dort aufhält, ist nicht geklärt – dies gilt aber als wahrscheinlich.

Die Staatsanwaltschaft München, die sich mit den Hintergründen des Betrugsskandals befasst, fordert von Russland nun die Auslieferung des gebürtigen Wieners. Noch vor Ostern erreichte daher ein sogenanntes «Inhaftnahmeersuchen» aus München die zuständigen Stellen in Moskau. Wegen des Krieges in der Ukraine gilt es jedoch als unwahrscheinlich, dass Moskau auf das Ersuchen aus Deutschland eingehen wird. Auch Deutschland gilt in Russland als «unfreundlich gesinnter Staat.»

Merkel wusste seit Januar 2021 Bescheid

Brisant: Den deutschen Behörden und dem Bundeskanzleramt soll der Aufenthalt Marsaleks in einem Moskauer Vorort seit Januar 2021 bekannt gewesen sein – im Gegensatz zu den Ermittlungsbehörden in München. Details hierzu veröffentlichte ebenfalls die «Bild»-Zeitung. Demnach bekam die deutsche Botschaft in Moskau damals Wind von einer dubiosen Person, die sich als Förderer einer deutschen Schule in Russland aufspiele und mit dubiosen Geschäften auffalle.

Der Mann mit guten Kontakten nach Österreich soll mit dem russischen Corona-Impfstoff Sputnik V gehandelt und mit einer paramilitärischen Söldnertruppe in Verbindung gestanden haben.

Bei dem Mann handelte es sich den Recherchen zufolge um den weltweit gesuchten Jan Marsalek, einstmals Mitglied des Wirecard-Geschäftsleitungsmitglieds.

Der russische Inlandgeheimdienst FSB soll dem deutschen Bundesnachrichtendienst BND ein Treffen und eine Befragung Marsaleks in Moskau angeboten haben. Doch der BND ging – wohl in Absprache mit dem von der damaligen Regierungschefin Angela Merkel geführten Kanzleramt – nicht auf das Angebot ein. Gerüchten zufolge fürchteten die deutschen Behörden, in eine Falle zu tappen.

Russland hätte möglicherweise mit der Absicht ein Treffen arrangiert, mit kompromittierenden Fotos von dem Treffen den deutschen Bundestagswahlkampf zu beeinflussen. Kanzlerin Merkel setzte sich bei einer China-Reise 2019 unvorsichtigerweise für Wirecard ein. Auch die Rolle der Finanzaufsichtsbehörde – die damals unter der Aufsicht des früheren Finanzministers und heutigen Kanzlers Olaf Scholz (SPD) stand – geriet alsbald in die Kritik, da die Behörden den Milliardenbetrug jahrelang nicht erkannt hatten.

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Dem gebürtigen Wiener droht eine mehrjährige Haftstrafe, unter anderem wegen bandenmässigen Betrugs.

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Dem gebürtigen Wiener droht eine mehrjährige Haftstrafe, unter anderem wegen bandenmässigen Betrugs.

Filip Singer / EPA/
Nov 2019

Marsalek würde in Deutschland jahrelange Haft drohen. Der Österreicher stieg unter dem früheren Wirecard-Chef Markus Braun – auch er gebürtiger Wiener – beim Finanzdienstleister kometenhaft vom einfachen Programmierer zum Wirecard-Geschäftsleitungsmitglied auf. Wirecard befreite sich unter der Ägide von Markus Braun mehr und mehr von dem früheren Schmuddelimage.

Noch Anfang der 2000er-Jahre wickelte der bei München ansässige Konzern Online-Zahlungen für die Porno- und Glücksspielindustrie ab, später kamen Kunden aus seriöseren Branchen hinzu, der Finanzdienstleister schaffte den Sprung in den deutschen Aktienindex DAX und machte bis kurz vor der Pleite im Juni 2020 gar Anstalten, die Deutsche Bank übernehmen zu wollen.

Wie sich nach der Insolvenz 2020 herausstellte, existierte ein Grossteil der Firmengelder überhaupt nicht. Wirecard hielt sich über Jahre mit Scheingeschäften in Milliardenhöhe über Wasser, durch erfundene Bankguthaben erschwindelte sich der Konzern hohe Kredite.

Das Unternehmen musste einräumen, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen – Geld, das vermutlich gar nicht existiert. Das einstmals als Vorzeige-Fintech-Konzern Deutschlands gefeierte Unternehmen, dessen Chef Markus Braun von Politik und Wirtschaft umgarnt wurde, beschäftigte bis Juni 2020 rund 5800 Mitarbeitende.

Marsalek war unter Braun für das Asien-Geschäft von Wirecard zuständig. Dieses steht im Zentrum der Betrugsaffäre. Ex-Konzernchef Markus Braun, der seit Juli 2020 in Untersuchungshaft sitzt, bestreitet, von den kriminellen Machenschaften seines Partners gewusst zu haben. Im Herbst muss sich Braun vor dem Landgericht München für seine Rolle als Wirecard-Chef verantworten. Die Ermittler beschuldigen den heute 53-Jährigen des bandenmässigen Betrugs, der Veruntreuung von Vermögen, der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation.