Ölkatastrophe
Vor einem Jahr explodierte die «Deepwater Horizon»

Ken Feinberg, hoch bezahlter Anwalt und landesweit anerkannter Mediator, lässt sich dieser Tage nur noch sporadisch an der Golfküste blicken.Lokale Politiker machen Stimmung gegen den renommierten Opferentschädigungsanwalt aus Washington.

Renzo Ruf, Gulfport, Mississippi
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Ölpest im Golf von Mexiko
30 Bilder
 Barrieren gegen Ölpest
 Die Grafik einer amerikanischen Umweltbehörde zeigt eindrücklich, wie sich die 4000 Öl- und Gasbohrtürme der Küste entlang ziehen.
 Die grösste Bohrinsel der Welt, die Thunderhorse, wurde 2005 von einem Orkan beschädigt. Passiert ist zum Glück nichts.
 Die einstige Piratenbucht Barataria Bay am 8. Juni: Vom Öl eingeschlossen.
 Boote verbrennen gezielt einzelne Ölflecken im Wasser.
 Die Transocean Discover Enterprise wird direkt über der gesunkenen Bohrinsel Deepwater Horizon eingesetzt, um natürlich aufsteigende Gase zu verbrennen.
Das Öl strömte lange aus
Öl an der Küste von Louisiana
Ölpest im Golf von Mexiko
Ölpest im Golf von Mexiko
Ölpest im Golf von Mexiko
Ölpest im Golf von Mexiko
Ein brauner Pelikan wird von Öl befreit Ein brauner Pelikan wird von Öl befreit
EIn Kind schaut Männern zu, die am Strand von Dauphin Island nach Ölklumpen suchen EIn Kind schaut Männern zu, die am Strand von Dauphin Island nach Ölklumpen suchen
Mit allen Mitteln wird gegen die Ölpest angekämpft Mit allen Mitteln wird gegen die Ölpest angekämpft

Ölpest im Golf von Mexiko

Der Mann, um den sich die hitzige Debatte dreht, ist nicht anwesend. Ken Feinberg, hoch bezahlter Anwalt und landesweit anerkannter Mediator, lässt sich dieser Tage nur noch sporadisch an der Golfküste blicken – obwohl er doch die Entschädigungszahlungen aus dem Schadenersatzfonds für die Opfer der BP-Ölpest abwickeln muss.

Jim Hood scheint sich daran aber nicht weiter zu stören: Weil sein prominenter Gegenspieler es vorzog, in der feinen Kanzlei in Washington zu bleiben, hat der Justizminister des Bundesstaates Mississippi die Bühne in diesem schmucklosen Versammlungssaal für sich allein. Vor den rund 50 Anwesenden im Handsboro Community Center wettert Hood gegen Feinberg, «der überhaupt nicht versteht, wie wir ticken». Und er hört sich die Geschichten derjenigen Menschen an, die seit Monaten auf einen Check von Feinberg warten und sich nun vom Justizminister Hilfe versprechen.

Diese Geschichten sind bisweilen herzzerreissend. Sie drehen sich um zerstörte Existenzen, um mysteriöse Krankheiten und emotionale Probleme, unter denen vor allem ältere Golf-Bewohner plötzlich leiden, und um eine grosse Wut über BP und die Politiker in Washington.

Besucherzahlen brachen ein

Mary-Ann Walker erzählt, dass sie bis vor wenigen Wochen im Island View Casino gearbeitet habe, direkt am Golf von Mexiko. «Mein Stundenlohn betrug 5 Dollar», sagt sie, und damit kommt man selbst im Süden nicht weit. «Ich bin auf Trinkgelder angewiesen», sagt Walker. Doch als im vorigen Frühling auch in Mississippi Öl an die Küste geschwemmt wurde, brachen die Besucherzahlen im Spielkasino ein. «Um 40 Prozent», weiss Walker. Sie habe ihre Ersparnisse plündern müssen und gegen eine hohe Strafgebühr ihre Pensionskasse aufgelöst. Auf die Entschädigungszahlung von BP warte sie aber immer noch vergeblich. «Im Oktober erhielt ich einen Brief, in dem stand, dass mein Gesuch abgelehnt worden sei», sagt Walker. Daraufhin habe sie ein neues Gesuch gestellt, dem sie zusätzliche Dokumente beilegte. «Doch seither ist nichts passiert. Kein Brief, kein Telefonat, kein Geld. Nichts.»

Hood hört aufmerksam zu. «Ich versuche, Ihnen zu helfen», verspricht er der entrüsteten Frau. Im Gegenzug hofft der Justizminister auf die Stimme von Walker. Hood will im kommenden November wiedergewählt werden, was für einen Demokraten im zunehmend konservativen Süden immer schwieriger wird. Der 48-Jährige gibt deshalb den Populisten, der sich für die Rechte der geprellten Bürger von Mississippi einsetzt und Material für ein Verfahren gegen Feinberg sammelt.

«Ich verschwende derzeit keinen Gedanken an den Wahltag»

Dabei fährt er schweres Geschütz auf: Hood wirft dem Anwalt aus Washington vor, er sei in Tat und Wahrheit nicht unabhängig, sondern der verlängerte Arm des britischen Ölkonzerns. Deshalb auch verzögere Feinberg seine Schadenersatzzahlungen derart lange; er wolle erreichen, dass die Geschädigten auf ihr Recht verzichteten, BP einzuklagen – an diese explizite Bedingung ist die speditivste aller Entschädigungsvarianten gekoppelt, bei der Individuen 5000 Dollar und Unternehmen 25000 Dollar erhalten.

Mit solchen Behauptungen trifft Hood in Gulfport den Nerv der Bevölkerung; mehrere der Anwesenden erwähnen Freunde oder Nachbarn, die angeblich von Feinberg übervorteilt worden seien. Auf die Frage, ob sein Feldzug auch politische Motive habe, antwortet Hood im Gespräch: «Ich verschwende derzeit keinen Gedanken an den Wahltag.»

Ken Feinberg zeigt sich derweil zunehmend genervt über die konstanten Attacken aus dem Süden. Er weist die Kritik an seiner Arbeit scharf zurück. Jim Hoods Stellungnahmen nennt er «komplett falsch»; sie grenzten an Verleumdung. Feinberg sagt, dass er verstehe, dass die Bevölkerung nach einer Umweltverschmutzung mit dem Ausmass der BP-Ölpest zornig sei. In seinen Augen leistet der Entschädigungsfonds aber gute Arbeit. «Es stimmt einfach nicht, dass wir nur schleppend bezahlen.» Zum Beweis leiert er die aktuellen Zahlen herunter: Von den 20 Milliarden Dollar, die ihm zur Verfügung stehen, habe der Fonds innerhalb eines halben Jahres 4 Milliarden Dollar ausbezahlt. Rund 200000 Gesuchsteller hätten einen Check erhalten.

Feinberg muss ein Dokument sehen

«Wir helfen den Menschen», sagte Feinberg kürzlich während eines Auftrittes vor Auslandkorrespondenten in Washington. Natürlich gebe es Probleme, Betrugsversuche und Verzögerungen, aber er und seine rund 2500 Angestellten wollen «dieses Geld verteilen». Sofern jemand also mit ausreichend Dokumenten beweisen könne, dass er aufgrund der Explosion der Ölplattform «Deepwater Horizon» und der anschliessenden Verschmutzung der Golfküste eine Einkommenseinbusse erlitt, sei eine Entschädigung fällig. «Ich brauche keine Steuererklärung, ich brauche keine formelle Buchhaltung, aber ich muss ein Dokument sehen, auf das ich mich verlassen kann.»

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