Atomunfall in Marcoule
Viele Widersprüche rund um den Atomunfall in Marcoule

Noch immer können nicht genaue Angaben über Ursachen und Auswirkungen zur Explosion eines Ofens in der Atomanlage bei Marcoule gemacht werden, doch gaben schon sämtliche involvierte Firmen und Institutionen Entwarnung.

Daniel Meyer
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Atomunfall in Marcoule
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Die Hilfkräfte tragen keine Schutzanzüge, weil keine Radioaktivität austrat
Die französiche Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet wird von den Medien belagert
Ein Sanitätshelikopter transportiert die Verletzten in die umliegenden Spitäler
Blick auf die Atomanlage bei Marcoule
Das Gelände der Atomanlage bei Marcoule
Radioaktivität ist beim Unfall in Marcoule keine ausgetreten. Key
Das Kraftwerk Marcoule im Süden Frankreichs (Archiv)

Atomunfall in Marcoule

Keystone

Die Verwirrung und das Misstrauen war gross, als gestern auf der Atomanlage in Marcoule im Süden Frankreichs ein Schmelzofen regelrecht in die Luft flog. Grüne Politiker hatten ihre Meinung ebenso schnell gemacht wie die involvierten Behörden. Während bis heute die Umstände und die Ursachen, die zu dem Unfall geführt haben, noch immer unklar sind, gaben sämtliche Behörden sogleich nach dem Unfall Entwarnung. So erklärte die Französische Atomaufsichtsbehörde (ASN) bereits gestern um 17:30 Uhr den Unfall offiziell «für beendet».

Menschen reagierten panisch

Trotzdem reagierten die Menschen in den umliegenden Orten panisch: Gemäss dem Internetdienst «Rue89» schlossen sich zahlreiche Menschen über Stunden in ihren Häusern ein. Erst nach Stunden habe die Bewohner ein Telefonanruf der Behörden erreicht, der Entwarnung gab. Sowohl das Institut für atomare Sicherheit (IRSN), der staatliche Energiekonzern Électricité de France (EDF), dessen Tochterunternehmen Socodei die Anlage betreibt, die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) als auch die ASN beschwichtigten, dass zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden hätte. Trotzdem richteten sie eine Schutzzone rund um den Unfallort ein. Als die eintreffenden Hilfskräfte jedoch keine Schutzanzüge trugen, war die Verwirrung komplett.

Der «politische Fallout»

Den verhältnismässig kleinen Schäden zum Trotz gehen Experten davon aus, dass zwar nicht der nukleare, sondern vielmehr der «politischen Fallout» des Unfalls tiefe Spuren im Atom-Land Frankreich hinterlassen wird. Mit 58 Reaktoren ist Frankreich der grösste Atomstromproduzent Europas und produziert unter anderem auch Strom für die Schweiz. Seit Fukushima werden auch in Frankreich solcherlei Vorfälle nicht so leicht aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen sein.

So wird denn auch auf dem politischen Parkett mit harten Bandagen gekämpft. Eine Umfrage der Grünen vom März beispielsweise zeigt, dass 70 Prozent der Franzosen den langfristigen Ausstieg wollen. Eine Umfrage vom EDF allerdings kommt auf 55 Prozent Ausstiegsgegner. Auf jeden Fall will die Regierung Sarkozys weiterhin an der Atomenergie festhalten. Experten gehen indes davon aus, dass der Zwischenfall sich nicht auf die französische Atompolitik auswirken wird. Vielmehr ist die Kritik aus dem übrigen Europa zu erwarten, so titelt heute beispielsweise Spiegel Online: «abwiegeln, beschwichtigen, weitermachen». Auch hat der beschlossene Ausstieg Deutschlands Frankreich wachgerüttelt.

Untersuchung wurde eingeleitet

Nun wird untersucht, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Bekannt ist bisher, dass es schon letzten März zu einem Zwischenfall in der Anlage kam. Auch bekannt ist, dass die vielen Reaktoren Frankreichs mittlerweile in die Jahre gekommen sind. Bereits letztes Jahr attestierte der ASN-Bericht der Anlage in Marcoule, wo sich bereits im Jahre 2009 ein Unfall ereignet hatte, schlampiges Management.

Auf der Anlage in Marcoule wird zwar keinen Atom-Strom produziert, doch ist die Anlage ein wichtiger Zulieferer der französischen Atomwirtschaft. Die Anlage ist wichtigster Produktionsort für das hochgefährliche Uran-Plutonium-Gemisch «MOX», das aus abgebrannten Uran-Brennstäben hergestellt wird.

EDF-Aktie sank in den Keller

Kritik kam auch schon von Jacques Repussard, Direktor des IRSN, der sagte: «Gewisse Elemente der Konzeption der Reaktoren und ihre Auslegung gegenüber schweren nuklearen Unglücken müssen überdacht werden». Dies sieht die EDF freilich nicht so; selbstsicher verkündete ein Sprecher schon bevor die Untersuchung überhaupt begonnen hat: «Dies war ein Industrieunfall, kein Atomarer Unfall.» Genutzt hat dieses selbstsichere Auftreten bisher wenig: die Aktie von EDF sank nach dem Unfall bis zu sieben Prozent in den Keller.

Auch hiesige Politiker nutzen die Gunst der Stunde und schlagen politische Kapital aus der Situation. So beispielsweise der Baselbieter und SP-Nationalrat Eric Nussbaumer.

Arbeiter «verbrannte in Sekundenschnelle»

Rund 250 Kilometer von Genf entfernt explodierte vorgestern in der südfranzösischen Atomanlage in Marcoule ein Verbrennungsofen. Dabei wurde ein Arbeiter getötet, und vier weitere verletzt. Der beim Unfall verstorbene Arbeiter, der in einem Raum neben dem Verbrennungsofen gearbeitet hatte, sei «in Sekundenschnelle verbrannt», sagte ein EDF-Sprecher gegenüber Spiegel Online.

Weder bei Mensch noch bei Umwelt konnte eine Verstrahlung oder eine Kontamination festgestellt werden. Die Anlage ist 20 Kilometer entfernt von Avignon, dem nächstgrösseren Ballungsraum. Das Gebiet direkt um die Anlage ist nicht dicht besiedelt.

Schaden an der Anlage hält sich in Grenzen

In dem Ofen wurden schwach bis sehr schwach radioaktive Abfälle aus anderen Atomkraftwerken verbrannt. Beispielsweise Arbeitskleidung der Arbeiter, Pumpen, Rohre. Die Detonation sei auf den Verbrennungsofen beschränkt geblieben, teilte ein Sprecher mit. Die übrigen Gebäude auf dem Gelände seien nicht zerstört worden.

Die Anlage in Marcoule wurde einst unter General de Gaulle für militärische Zwecke erschaffen. Seit 2010 sind alle Reaktoren auf dem Gelände sind stillgelegt. Der erste Reaktor ging bereits 1956 ans Netz und ist damit weltweit der zweitälteste kommerziell genutzte Reaktor. Doch war der Reaktor nicht ausschliesslich für zivile Zwecke genutzt, denn er produzierte auch Plutonium für Atombomben. Der Reaktor ging 1968 vom Netz.