Vereinigtes Königreich
Kein Bier, kein Hähnchen: Corona und Brexit machen den Briten immer mehr zu schaffen

Der immer grösser werdende Personalmangel in Grossbritannien führt zu Lieferproblemen. Jetzt trifft es eine grosse Kneipenkette – und den Fastfood-Riesen KFC.

Jochen Wittmann, London
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2019 floss das Bier in der Wetherspoons Metropolitan Bar in London noch in Strömen. Boris Johnson traf sich hier mit dem Präsidenten der Kette, Tim Martin. Heute klagen die Pubs über Nachschubprobleme.

2019 floss das Bier in der Wetherspoons Metropolitan Bar in London noch in Strömen. Boris Johnson traf sich hier mit dem Präsidenten der Kette, Tim Martin. Heute klagen die Pubs über Nachschubprobleme.

Henry Nicholls / Pool / EPA REUTERS POOL

Der britischen Kneipenkette Wetherspoons geht das Bier aus, und der Hähnchenbrater KFC muss Filialen schliessen, weil es beim Nachschub hapert. In vielen Supermärkten des Königreichs tun sich Lücken in den Regalen auf, vor allem beim Gemüse und Frischobst. Und das Einrichtungshaus Ikea klagt, dass bis zu zehn Prozent des Sortiments, immerhin rund 1000 Produkte, zur Zeit nicht lieferbar ist.

Es lässt sich nicht von der Hand weisen: Grossbritannien leidet unter Lieferstau und Personalmangel. Der Doppelschlag von Brexit und Corona hat zur Abwanderung von Hunderttausenden Arbeitskräften geführt. Weite Teile der britischen Volkswirtschaft sind von Nachschubproblemen betroffen. Wirtschaftsvertreter fordern Lockerungen für ausländische Arbeitnehmer, doch die Regierung mauert.

So viele offene Stellen wie noch nie zuvor

Zuerst war es der Brexit, der europäische Arbeitnehmer in Grossbritannien dazu ermuntert hatte, nach Hause zurückzukehren. Verstärkt wurde der Exodus dann durch die Coronakrise und die damit verbundenen Lockdowns. Allein London, schätzt man, hatte eine Abwanderung von rund 700'000 Ausländern erfahren.

Kein Wunder also, dass die Zahl der offenen Stellen auf Rekordhöhe geschossen ist. Die zuständige Behörde meldete, dass es in der letzten Augustwoche 1,66 Millionen offene Stellen gegeben habe – so viele wie noch nie zuvor. Der grösste Arbeitgeberverband im Land warnte am Wochenanfang, dass der Arbeitskräftemangel von Dauer zu sein droht.

Es ist nicht nur der Gesundheitsbereich, wo fast 80'000 Krankenschwestern gesucht werden, oder der High-Tech-Sektor, der knapp 60'000 Stellen für Programmierer ausschreibt. Vor allem im Speditionswesen knirscht es. Mehr als 100'000 LKW-Fahrer werden gesucht. Die Industrie sucht händeringend nach Brummifahrern und offeriert grosszügige Begrüssungsgelder und ein Jahreseinkommen von bis zu 50'000 Pfund.

Müll bleibt liegen, Impftermine werden verschoben

Der Personalmangel in der Speditionsbranche führt zu allgegenwärtigen Lieferproblemen. In manchen Gemeinden bleibt der Abfall liegen, weil die Müllabfuhr nicht genug Fahrer hat. Das Unternehmen Seqirus, das Grippeschutzimpfungen herstellt, leidet unter Lieferproblemen und warnte Kliniken, ihre Impftermine zu verschieben.

Die Fast-Food-Kette McDonalds konnte keine Milchshakes oder Wasserflaschen anbieten. Dem Restaurantriesen Nando‘s gingen die Hähnchen aus. Haribo kann nicht mehr auf die Insel liefern, weil man keine LKW-Fahrer hat. «Unsere Zahlen zeigen»“ sagte Kate Nicholls von «UKHospitality», «dass 94 Prozent der Unternehmen im Gastgewerbe Lieferprobleme haben und rund zwei Drittel sagen, dass sie das Menü, das sie ihren Gästen anbieten können, reduzieren müssen und erheblich an Umsatz verlieren.»

Die jeweiligen Branchenverbände haben sich zusammengetan und einen Brandbrief an die Regierung geschrieben, in dem sie Abhilfe forderten, weil der Personalmangel «zunehmend unhaltbaren Druck auf Einzelhändler und ihre Lieferketten ausübt». Doch vor allem bei der Forderung von Arbeitsvisas für EU-Fahrer will die Regierung nicht mit sich reden lassen. Immerhin hatte es zum Kern des Brexit-Projekts gehört, dass man den Zuzug von Arbeitskräften aus der EU beschneidet und nicht erweitert

Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng wies daher die Forderung nach Visaerleichterungen zurück und sagte den Industrieverbänden, man solle die Einstellung von britischen Arbeitern priorisieren und besonders jene berücksichtigen die nach dem Auslaufen des Kurzarbeiterprogramms am Ende des Monats eine «unsichere Zukunft»“ befürchten.

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