USA
Corona-Märchen: Ist der New Yorker Anti-Trump Schuld am Tod Tausender Altersheimbewohner?

Andrew Cuomo, der demokratische Regierungschef des Bundesstaates New York, soll Todesstatistiken bewusst verfälscht haben – aus Angst vor Donald Trump. Derweil knacken die USA heute die traurige 500'000er-Grenze.

Samuel Schumacher
Drucken
Teilen
Vom Coronahelden zum Pandemiebeschöniger? New Yorks Regierungschef Andrew Cuomo.

Vom Coronahelden zum Pandemiebeschöniger? New Yorks Regierungschef Andrew Cuomo.

AP

Andrew Cuomo hatte einen veritablen «Run», wie die Amerikaner sagen würden: Der Regierungschef im Bundesstaat New York erntete für seine konsequente Coronapolitik von allen Seiten Lob, seine Zustimmungswerte schossen in traumhafte Höhen und seine scharfen Worte an die Adresse des damaligen US-Präsidenten Donald Trump sorgten im Coronajahr 2020 für viel Aufsehen.

Für seine täglichen Pressekonferenzen zum Stand der Dinge in Sachen Corona erhielt er im November gar den begehrten Fernseh-Preis «Emmy». In den Sendungen seines Bruders Chris Cuomo auf CNN versicherten sich die beiden Cuomo-Brothers jeweils vor einem Millionenpublikum, wie sehr sie sich für ein Ende der Pandemie einsetzten – und wie innig ihre brüderliche Liebe sei.

Chris Cuomo lud seinen Bruder Andrew regelmässig in seine Show auf CNN ein.

Youtube

Viele sahen im 63-jährigen Demokraten einen valablen Kandidaten für das höchste politische Amt in den USA – wohl auch er selbst. Anders ist kaum zu erklären, wieso er noch im Herbst – also inmitten der Coronakrise – ein Buch mit dem Titel «Amerikanische Krise» veröffentlichte und darin mit viel Pathos erzählt, wie er im Kampf gegen Covid «das Heft in die Hand genommen habe».

Cuomo wollte Trump keine Munition geben

Genau dieses Heft droht dem selbsterklärten Coronahelden und Anti-Trump nun zu entgleiten. Die amerikanische Bundespolizei FBI und die New Yorker Staatsanwältin Letitia James haben eine Untersuchung gegen Andrew Cuomo eingeleitet. Cuomo steht unter Verdacht, Todesstatistiken aus den insgesamt 619 New Yorker Altersheimen verfälscht zu haben. Konkret soll er Tausende Coronaopfer, die in den Heimen verstorben sind, verheimlicht und in den Statistiken als «im Spital verstorben» verbucht haben. Letitia James schätzt, dass in den New Yorker Altersheimen nicht «nur» 8500 Menschen an Corona verstorben seien, wie Cuomo ursprünglich angegeben hat, sondern bis zu 15'000.

Rund 15'000 Menschen sollen in den 619 New Yorker Altersheimen an Covid verstorben sein - deutlich mehr, als die lokale Regierung ursprünglich zugegeben hatte.

Rund 15'000 Menschen sollen in den 619 New Yorker Altersheimen an Covid verstorben sein - deutlich mehr, als die lokale Regierung ursprünglich zugegeben hatte.

AP

Relevant ist das statistische Geschacher insbesondere deshalb, weil Cuomo persönlich im vergangenen Frühjahr veranlasste, dass an Corona erkrankte Altersheimbewohner trotz Warnungen von Experten aus den Spitälern zurück in die Heime gebracht werden sollen. Zudem hielt Cuomo es anfänglich nicht für nötig, dass sich neu eintretende Heimbewohner auf das Virus testen lassen sollen. Erst im Mai liess er die Regelung auf Druck seines Beraterstabes hin kippen.

In den Sozialen Medien wird Cuomo deshalb seit längerer Zeit vorgeworfen, er habe die Altersheime in «Grossmutter-Todesfabriken» verwandelt. Hunderte Familien wollen wissen, ob der Tod ihrer Angehörigen hätte verhindert werden können, wenn Cuomo von Beginn weg auf seine Berater gehört hätte.

Angehörige von verstorbenen Altersheimbewohnern protestieren in Brooklyn gegen Andrew Cuomo.

Angehörige von verstorbenen Altersheimbewohnern protestieren in Brooklyn gegen Andrew Cuomo.

AP

Im Januar noch konterte der mächtige New Yorker: «Wen kümmert es, wo diese Leute gestorben sind?» Politiker, die ihn kritisierten, erhielten unangenehme Drohanrufe aus seinem Büro. Inzwischen verzichtet er auf diesen kruden Ansatz und verweist stattdessen darauf, dass seine Regierung immer transparent und klar kommuniziert habe.

Genau das aber ziehen amerikanische Journalisten in Zweifel. Recherchen des Senders NBC haben ergeben, dass Cuomo die Statistiken offenbar aus Angst vor der Reaktion des Weissen Hauses bewusst verfälschen liess. Donald Trump schoss mehrfach scharf gegen den New Yorker Gouverneur und machte ihn verantwortlich für die vielen Toten in den Altersheimen. «Gouverneur Andrew Cuomo hat die schlimmste Todesstatistik beim China-Virus. Tausende Menschen starben in den Altersheimen wegen seiner Inkompetenz», twitterte Trump im vergangenen September. Cuomo wollte Trump keine zusätzliche Munition liefern und hielt die hohen Todeszahlen aus den Altersheimen deshalb bewusst zurück. Das, mindestens, hat eine enge Beraterin von Cuomo an einem Treffen mit demokratischen Vertretern unlängst zugegeben.

Covid fordert in Amerika mehr Tote als die beiden Weltkriege

Das PR-Debakel für den New Yorker Gouverneur kommt just zu jenem Zeitpunkt, an dem Amerika die traurige Schwelle von 500'000 Coronatoten überschreiten wird. Mehr Amerikaner sind inzwischen an Covid-19 verstorben als auf den Schlachtfeldern der beiden Weltkriege und des Vietnamkrieges zusammengenommen, wie die New York Times vorgerechnet hat. Kein Land der Welt hat bislang mehr Tote zu beklagen. Präsident Joe Biden will der Toten mit einer nationalen Schweigeminute gedenken.

Gute Neuigkeiten für die Amerikaner gibt es aber von der Impffront. Bereits 12 Prozent der Amerikaner haben bis heute mindestens eine Dosis des Impfstoffs erhalten. Nur Israel, die Seychellen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Grossbritannien und Bahrain können noch bessere Zahlen vorweisen. In der Schweiz waren Ende vergangener Woche erst rund sieben Prozent der Bevölkerung geimpft.