Italien
Und die eingestürzte Morandi-Brücke steht noch immer – Genuas Bewohner werden unruhig

Am Wochenende hätte mit dem Abbruch der eingestürzten Morandi-Brücke in Genua begonnen werden sollen. Passiert ist: nichts. Genuas Bewohner werden unruhig.

Dominik Straub, Rom
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Genuas Staatsanwälte suchen noch immer nach den Schuldigen. Deshalb stockt der Abbruch der Morandi-Brücke.

Genuas Staatsanwälte suchen noch immer nach den Schuldigen. Deshalb stockt der Abbruch der Morandi-Brücke.

EPA

Am Freitag, genau vier Monate nach dem Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August, hat Genua mit einer Schweigeminute noch einmal der 43 Opfer gedacht, die bei dem Unglück ihr Leben verloren hatten. Am Samstag dann hat der Sonderkommissar für den Wiederaufbau, Genuas Bürgermeister Marco Bucci, die Baustelle für den Abriss offiziell eröffnet. «Wir hatten versprochen, vor Weihnachten mit dem Abriss zu beginnen. Dieses Versprechen haben wir eingehalten», erklärte Bucci am Samstag in der «roten Zone», dem abgesperrten Gebiet unter den noch immer stehenden Brückenpfeilern.

Tatsächlich sind unter den Resten der alten Brücke in den letzten Tagen bereits schwere Baumaschinen vorgefahren. Doch wie so vieles, was seit dem Einsturz der Brücke in Genua von den Behörden gesagt und angekündigt wurde, ist auch das offizielle Einläuten der Abbrucharbeiten vorerst nicht viel mehr als Symbolpolitik: Die noch stehenden Teile der Brücke sind nach wie vor von der Genueser Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Die Justiz ist noch damit beschäftigt, die Einsturzursache sowie die Schuldigen zu ermitteln. Bis die Brücke von den Juristen freigegeben wird, kann mit dem Abbruch nicht begonnen werden.

Die Morandi-Brücke in Genua Während eines schweren Unwetters am 14. August ist die 40 Meter hohe Brücke, auch Polcevera-Viadukt genannt, auf einem etwa 200 Meter langen Stück eingestürzt.
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Etwa 35 Autos und drei Lastwagen stürzten etwa 45 Meter in die Tiefe und wurden teils unter Betontrümmern begraben.
Ein Lastwagen kam kurz vor dem Abgrund zu stehen. Der Chauffeur erlitt einen Schock.
Die Brücke aus der Vogelperspektive: Zum Zeitpunkt der Tragödie waren laut Betreibergesellschaft Bauarbeiten im Gange.
Unter den Opfern sind mindestens drei Minderjährige im Alter von 8, 12 und 13 Jahren.
Bergungsarbeiten.
Ein eindrückliches Bild aus der Vogelperspektive: Ein grosser Teil der Brücke fehlt.
Dieser Lastwagen konnte gerade noch rechtzeitig bremsen.
Retter in den Trümmern: Nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua suchen Feuerwehrleute nach Überlebenden.
Die Brücke stürzte auf rund 200 Meten ein.
Autos stecken in den Trümmern.
Weitere Bilder vom Unglücksort.
Autobahnbrücke in Genua eingestürzt
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Diese Brücke ist eingestürzt.
Diese Brücke ist eingestürzt.
Dieser Lastwagen steht am Abgrund.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.
Die eingestürzte Morandi-Brücke.

Die Morandi-Brücke in Genua Während eines schweren Unwetters am 14. August ist die 40 Meter hohe Brücke, auch Polcevera-Viadukt genannt, auf einem etwa 200 Meter langen Stück eingestürzt.

Keystone

Stararchitekten für den Neubau

Dennoch versprach Bucci, dass die verbliebenen Teile des Morandi-Viadukts bis Ende März 2019 abgebrochen und weggeräumt sein werden. Dieser Zeitplan ist auch dann noch ehrgeizig, falls die Brücke in den nächsten Tagen freigegeben werden sollte. Da das Viadukt zum Teil über dicht besiedeltes Gebiet führt, kann es nicht einfach gesprengt werden, sondern muss Stück für Stück zersägt und mit riesigen Kränen abgetragen werden. Übrigens: Zwei der insgesamt fünf mit dem Abbruch beauftragten Firmen waren schon an der Demontage des Kreuzfahrtschiffes «Costa Concordia» beteiligt gewesen, das im Januar 2012 vor der Insel Giglio gestrandet war.

Unmittelbar nach dem Abschluss der Abbrucharbeiten soll laut Bucci an der gleichen Stelle eine neue Brücke entstehen. Auch hier hat sich Bucci ein Ziel gesetzt, das angesichts der bürokratischen und technischen Hindernisse unrealistisch bleiben dürfte: Der Neubau soll laut dem Bürgermeister Genuas bis Ende 2019 dem Verkehr übergeben werden. Wie für den Abbruch soll auch für den Neubau ein Konsortium beauftragt werden. Wer den lukrativen Auftrag erhält, steht allerdings noch in den Sternen. Der Entscheid über die Bauvergabe soll in dieser Woche erfolgen. Fest steht bisher einzig, dass der für die Brücke zuständige Autobahn-Betreiber Autostrade per l’Italia von den Arbeiten ausgeschlossen werden soll. Dagegen will sich das Unternehmen gerichtlich wehren.

50 Millionen Entschädigungen für Angehörige der Opfer

Die Autobahn-Betreiberin Autostrada per l’Italia, die als Hauptverantwortliche des Brückeneinsturzes in Genua gilt, hat sich in den letzten Tagen mit den Angehörigen der 43 Toten auf Entschädigungen von insgesamt 50 Millionen Euro geeinigt. Die Hälfte davon wurde bereits ausbezahlt. Das entsprechende Abkommen ist bisher von 138 Personen unterzeichnet worden. Laut italienischen Medienberichten erhalten direkte Angehörige – Ehepartner, Eltern, Kinder und Geschwister der beim Brückeneinsturz Verstorbenen – jeweils zwischen 150 000 und 300 000 Euro, wobei der Betrag unter anderem nach der Höhe des Einkommens bemessen wird, das der Verstorbene zum Familieneinkommen beigetragen hatte. Die Entschädigungen sind höher, als dies in ähnlichen Fällen bei aussergerichtlichen Einigungen üblich ist. Dominik Straub

Der Neubau inklusive des Abbruchs der alten Brücke soll laut Schätzungen von Sonderkommissar Bucci 430 Millionen Euro kosten. Auch die Prognose bezüglich der Kosten wirkt reichlich optimistisch. Zur Auswahl stehen die Projektentwürfe zweier Architektur-Stars: des Genuesen Renzo Piano und des Spaniers Santiago Calatrava. Pianos Entwurf wird dem Vernehmen nach von den politischen Behörden bevorzugt, während Anwohner und Experten mehr Gefallen an den Entwürfen Calatravas finden.

Bevölkerung traut Plänen nicht

«Dies ist ein wichtiger Augenblick für das ganze Land», kommentierte Verkehrsminister Danilo Toninelli die Vergabe der Abbrucharbeiten am Wochenende. «Genua muss zum Symbol der Wiedergeburt Italiens werden.» Bisher ist die Brücke freilich eher ein Sinnbild für den Niedergang des Landes unter der neuen Populisten-Regierung aus der Protestbewegung Cinque Stelle und der rechtsradikalen Lega gewesen. So hatte es zum Beispiel fast zwei Monate gedauert, bis die Regierung ein Dekret zum Wiederaufbau der Brücke verabschiedet hatte. Dieses Dekret wurde in der Zwischenzeit Dutzende Male abgeändert. Immerhin haben die rund 250 Familien, die bei Brückeneinsturz obdachlos geworden waren, wieder ein Dach über dem Kopf.

Aufgrund der bisherigen Negativ-Erfahrungen schlägt Transportminister Toninelli von den Cinque Stelle in Genua grosse Skepsis entgegen. «Wir erwarten eine neue Brücke nicht vor vier oder fünf Jahren», erklärte der Anwohner Luca Boscolo gegenüber dieser Zeitung. Der 41-Jährige weist darauf hin, dass die Behörden das Kunststück fertiggebracht hätten, den letzten Lkw erst in der vergangenen Woche von der eingestürzten Brücke abzuschleppen – vier Monate nach dem Einsturz. «In der Stadt herrscht inzwischen allgemeine Resignation», sagte Boscolo.

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