Ukraine-Krieg
Ein Film dokumentiert, wie Macron im Gespräch mit Putin versucht, den Krieg zu verhindern – da ist der Einmarsch in die Ukraine längst geplant

Ein französischer Dokumentarfilm enthüllt, wie Emmanuel Macron bis zum Schluss die Invasion der Ukraine per Videoschaltung zu verhindern suchte – und Wladimir Putin lieber Eishockey spielen ging.

Stefan Brändle, Paris
Drucken
Der französische Präsident Emmanuel Macron im Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin während einer Videokonferenz.

Der französische Präsident Emmanuel Macron im Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin während einer Videokonferenz.

Michel Euler / AFP

Der Dokumentarstreifen «Ein Präsident, Europa und der Krieg» des Filmers Guy Lagache zeigt Originalmitschnitte aus einem Videogespräch Putins und Macrons am 20. Februar, also vier Tage vor Beginn des Ukrainekriegs. Wobei in dem neunminütigen Ausschnitt nie von «Krieg» die Rede ist.

Macron bemüht an dem Sonntagmorgen sein Konzept der «Deeskalation». Im Versuch, die Parteien auf das Minsker Abkommen zu verpflichten, sagt er zu Putin: «Ich möchte, dass du mir zuerst deine Sicht der Dinge darlegst, und zwar auf sehr direkte Weise, so wie wir es handhaben.» Der Russe antwortet: «Was soll ich dir sagen? Du siehst ja auch, was gerade läuft.»

Meint er die Kriegsvorbereitungen? Nein, Putin spricht von den «Lügen» seines ukrainischen Amtskollegen Wolodimir Selensky und verlangt, die Sicht der russischen Separatisten einzubeziehen. «Ihre Vorschläge sind mir völlig egal», fällt Macron ein.

«Ich weiss nicht, wo dein Jurist Recht gelernt hat. Ich schaue bloss das Abkommen an und versuche es anzuwenden.»

Einmarsch in Ukraine längst geplant

Macron, der zu jener Zeit den EU-Ratsvorsitz ausübte und mit seinen deutschen Partnern für das Minsker Abkommen eintrat, um einen direkten Kontakt zwischen Moskau und Kiew aufrechtzuerhalten, verspricht, er werde noch mal mit Kiew reden. «Ich habe Selensky schon gestern zur Ruhe aufgerufen. Er muss alle beruhigen, die sozialen Medien, auch die ukrainische Armee.»

Putin zeigt sich unbeeindruckt – er wusste zweifellos bereits, dass er in der anlaufenden Woche ohnehin in die Ukraine einmarschieren würde. Macron versucht noch, ein Gipfeltreffen Putins mit US-Präsident Joe Biden in Genf zu organisieren. Der Kreml-Herrscher ist von der Idee nicht angetan, aber Macron ringt ihm immerhin eine «Grundsatzeinigung» ab. Putin fügt aber an:

«Um dir nichts zu verheimlichen – ich wollte gerade Eishockey spielen gehen. Ich telefoniere mit dir aus der Sporthalle.»

Mit anderen Worten: Für Putin kann der Gipfel warten. In der Tat sollte er nie zustandekommen.

Macron lässt aber nicht locker: «Bleiben wir in Echtzeit in Kontakt», schlägt er zum Schluss des Gesprächs vor. «Sobald etwas läuft, rufst du mich an.» Putin antwortet sarkastisch auf Französisch: «Ich danke Ihnen, Monsieur le Président.» Den Befehl zur Invasion hat er in diesem Moment womöglich schon gegeben.

Ein Eindruck der Naivität

Auffällig ist, dass der Dokumentarfilmer Lagache den Ausschnitt nicht auf obskuren Wegen erhielt, sondern mit Billigung des Elysées. Nur eine Szene schnitten Macrons Diplomaten weg. Eine Sprecherin des russischen Aussenministerium verurteilte dennoch den «Bruch des diplomatischen Geheimnisses».

Man kann sich fragen, warum sich Macron über diesen naheliegenden Vorwurf hinwegsetzte. Offenbar glaubt er, noch nicht genügend erklärt zu haben, wie sehr er sich bei mehr als zwanzig Gesprächen mit Putin bemüht hatte, einen Waffengang zu verhindern oder zu stoppen. Der von über zwei Millionen Zuschauern auf France-2 verfolgte Bildausschnitt erweckt allerdings zugleich den Eindruck einer gewissen Naivität der französischen Diplomatie.

Auch in Paris gab es negative Reaktionen zur Ausstrahlung. Ex-General Dominique Trinquant meinte etwa, Macron sei in der persönlichen Konfrontation mit Putin «zu weit gegangen».

Der Kriegsreporter Vincent Hugeux gab zu bedenken, dass der Krieg eine zu ernste Sache sei, um ihn auf eine persönliche Ebene herunterzubrechen. Hugeux wendet sich auch gegen einen kurzen Ausschnitt des Dokumentarstreifens, in dem man sieht, wie Macron auf eine Telefonverbindung mit dem deutschen Kanzler Olaf Scholz warten muss, um über dessen Rüstungsentscheide informiert zu werden: «Wenn die Deutschen nicht mehr pünktlich sind und sich wiederbewaffnen, sehe ich schwarz für die Zukunft», scherzt er zu seinen Beratern. Der zur Schau gestellte Humor wirkt in dem Kontext in der Tat etwas deplatziert.