Türkei-Besuch
Macho-Alarm: EU-Chefin von der Leyen wird aufs Sofa abgeschoben, die Männer reden über Politik

Für EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen blieb beim Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan kein Stuhl übrig. Sie musste abseits auf dem Sofa Platz nehmen.

Remo Hess aus Brüssel
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Von der Leyen, offensichtlich verwundert, kann nur mit einem hilflosen «Äääähm?» reagieren.

AP/Europäische Union

Staatsbesuche sind protokollarisch bis ins Kleinste durchgeplant. Auf jedes Detail wird geachtet. Vor allem, wenn es sich um diplomatisch so heikle Reisen handelt, wie der gestrige Besuch von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel beim türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Es gibt den Streit um die Flüchtlinge und das angespannte Verhältnis zu Griechenland. Dazu sorgte Erdogan kürzlich für einen Eklat, als er sein Land aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor Gewalt zurückzog.

«Äääähm?»

Dass Erdogan ein Macho sei, behaupten seine Kritiker schon seit langem. Jetzt sehen sie sich wieder einmal bestätigt: Beim Treffen mit den EU-Spitzen gab es nämlich nur einen Stuhl für Ratspräsident Charles Michel. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wurde dagegen in einiger Entfernung auf das Sofa verbannt. Ein Video hat die Szene festgehalten: Von der Leyen, offensichtlich verwundert, kann nur mit einem hilflosen «Äääähm?» reagieren.

«Beschämend» – «Witzfigur» – «Machos»

In den sozialen Medien bricht daraufhin ein Sturm der Empörung los. Für viele ist die Bildsprache klar: Von der Leyen wird abgeschoben, während die Männer sich unterhalten. «Beschämend» kommentierte Iratxe Garcia Perez, die Fraktions-Chefin der Sozialdemokraten im EU-Parlament. Zuerst habe sich die Türkei von der Istanbul-Konvention verabschiedet und jetzt würde der Kommissionspräsidentin nicht einmal ein Stuhl angeboten.

Viel Prügel einstecken muss aber auch EU-Ratspräsident Charles Michel. Es sei unverständlich, dass dieser nicht reagiert habe und seiner Kollegin beigestanden sei, heisst es. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Christian Kern schrieb auf Twitter, Michel habe sich zur «Witzfigur» degradieren lassen.

Der Grüne Bundestagsabgeordnete und Erdogan-Kritiker Cem Özdemir fragte, weshalb man sich eine solche Behandlung gefallen lasse. Respekt würde man so jedenfalls sicher nicht erhalten, so Özdemir.

Wie ein Treffen zwischen der EU und der Türkei protokollarisch ablaufen sollte, zeigen Fotos der Zusammenkunft zwischen Erdogan und den damaligen EU-Spitzen Jean-Claude Juncker und Donald Tusk: Jeder erhält seinen Stuhl, niemand wird abgeschoben.

Von der Leyens Sprecher sagte am Mittwoch, die Kommissionspräsidentin sei «überrascht» gewesen, was klar auf dem Video zu sehen sei. Sie hätte in der gleichen Weise platziert werden sollen, wie der EU-Ratspräsident. In Zukunft werden man darauf hinwirken, dass so etwas nicht mehr passiere.

In der ganzen Aufregung ging derweil unter, um was es beim Besuch wirklich ging. Ziel der Reise von der Leyens und Michels war es, die in den letzten Jahren stark strapazierte Beziehung zur Türkei wieder auf eine tragfähige Basis zu stellen.

Da fehlt ein Stuhl: EU-Ratspräsident Charles Michel (links), Recep Tayyip Erdogan und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Da fehlt ein Stuhl: EU-Ratspräsident Charles Michel (links), Recep Tayyip Erdogan und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Keystone

Von einer «ehrlichen Partnerschaft» sprach von der Leyen und wies auf daraufhin, dass für die EU die Achtung von Grundrechten und Frauenrechten «höchste Priorität» hätten. Im Zentrum des Gesprächs stand auch die Versorgung der fast vier Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei, zu der die EU auch künftig beitragen will.