Tokio 2021
«Kommen Sie nicht nach Japan!» – Kritik an den Olympischen Spielen wird lauter

Dabeisein ist offenbar doch nicht alles. 100 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio nimmt der Gegenwind für die Organisatoren noch einmal zu.

Felix Lill aus Tokio
Drucken
Teilen
Besuch im Olympischen Museum: Vorfreude ist von keiner Seite mehr zu hören.

Besuch im Olympischen Museum: Vorfreude ist von keiner Seite mehr zu hören.

Bild: Jae C. Hong/AP (Tokio, 23. Februar 2021)

Forderungen nach Boykott und Absage werden lauter. Die Organisatoren hatten sich das anders vorgestellt. Es ist ein Brief, der die Veranstalter nervös machen könnte. 20 Professoren aus ­Japan haben ihn unterschrieben und stellen damit einen klaren Appell. Sie richten sich nicht an die Olympiaorganisatoren in ­Tokio, denn von denen erhoffen sie sich nichts mehr. Vielmehr wenden sich die Gelehrten in einem Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt, an «die deutschsprachige Öffentlichkeit». Von der fordern sie: «Kommen Sie bitte nicht nach Japan!»

Mit Ausländerfeindlichkeit hat das nichts zu tun. Die im ostasiatischen Land prominenten Unterzeichner – darunter der Philosoph Kenichi Mishima, die Politologin Mari Miura, der Soziologe Hiroki Ogasawara, die Schriftstellerin Yoko Tawada und der Politologe Koichi Nakano – erhoffen sich eher so etwas wie Boykott als Solidarität: «Wenn sich eine der durch ihre bisherigen sportlichen Leistungen ausgewiesenen Nationen dazu aufraffen könnte, angesichts der Pandemie-Situation ihre olympische Mannschaft zu Hause zu lassen, würde diese Nicht-Entsendung eine Kettenreaktion unter den teilnehmenden Nationen auslösen.»

Selbst die Volunteers werden kritisch

100 Tage vor dem geplanten Beginn der Spiele von Tokio wollen die Organisatoren davon nichts hören. Sie bemühen sich um Zuversicht und mimen Freude über den Fackellauf. Aber auch ihnen ist klar, dass im einst so olympiabegeisterten Japan längst eine deutliche Mehrheit den Spielen gegenüber skeptisch eingestellt ist. Als in der Pandemie zu unsicher und wegen der immerzu gestiegenen Kosten zu teuer wird Olympia vor allem noch gesehen.

Die Opposition kommt nicht mehr nur aus den ausgewiesen kritischen Zirkeln von Intellektuellen. Längst haben Gesundheitsexperten Zweifel geäussert, dass die grösste Sportveranstaltung der Welt in diesem Sommer wirklich ohne weitere Ausbreitung der Pandemie über die Bühne gehen kann. Auch aus der Wirtschaft gibt es Gegenstimmen. Sogar unter den gut 100'000 Volunteers, den eigentlich stets eventbegeisterten Freiwilligenhelfern, hat Kritik an der Organisation zugenommen. So richtig viel Vorfreude ist von keiner Seite mehr zu hören.

Nicht einmal unter den Athleten. Eine um den Jahreswechsel unter 42 japanischen Athleten durchgeführte Befragung dokumentiert weitverbreitete Zweifel und mindestens gedämpfte Vorfreude. 38 Prozent gaben darin zu Protokoll, dass in der aktuellen Situation ihre Motivation nachlasse. Ausserdem fanden 26 Prozent, dass sich die öffentliche Debatte um die Sinnhaftigkeit dieser Spiele auch auf ihr Gemüt auswirke.

Nicht für alle ist Dabeisein noch alles

Und das Ganze ist auch nicht mehr nur anonym. Die für ihre Meinungsstärke bekannte Langstreckenläuferin Hitomi Niiya sagte zuletzt in einem Interview auf die Frage, ob sie sich auf Olympia freue: «Als Sportlerin will ich es durchziehen. Als Mensch will ich es nicht.» Schon im August hatte sie verlautbart, man könne die Spiele auch absagen, «wenn die Bürger dagegen sind». Niiya sprach wohl von sich selbst. Denn sie hat auch schon gesagt: «Um ehrlich zu sein, denke ich, dass das Leben wichtiger ist als die Olympischen Spiele.»

Auch die Sportfunktionärin Kaori Yamaguchi, Bronzemedaillengewinnerin im Judo an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul und Exekutivkomiteemitglied des Japanischen Olympischen Komitees, hat schon Zweifel geäussert. In einem Meinungsartikel in der liberalen Zeitung «Asahi Shimbun» beklagte sie: «Der Standpunkt, die Menschen zurückzulassen und die Spiele einfach durchzuziehen, ist nicht im ursprünglich sportlichen Sinne von Olympia. Es sieht so aus, als gehe es dabei um Politik, um Wirtschaft, um kühle Erwägungen.»

IOC-Präsident Thomas Bach hat die Welt aufgefordert, nicht weiter über einen Ausfall zu diskutieren. «All diese Spekulationen schmerzen die Athleten in ihrer Vorbereitung.» Dabei ist unklar, was die Athleten mehr schmerzt: zu den Gefahren zu schweigen oder sie offen anzusprechen. So sagte Takuya Haneda, japanischer Bronzemedaillist im Kanuslalom in Rio 2016, über seine Olympiavorbereitungen: «Ich glaube, es gibt im Moment Wichtigeres. Ich muss mir jeden Schritt, heute und morgen, gut überlegen. Die Welt ist im Moment voller Risiken.» Nicht für alle ist Dabeisein dieser Tage noch alles.

Aktuelle Nachrichten