Syrien
Erstarkte Terroristen: Warum 2022 ein Comeback des «Islamischen Staates» droht

Armut und Hunger, ausgelöst von einer fürchterlichen Dürre, treiben immer mehr Menschen in Syrien in die Hände der Terroristen. Befeuert vom Sieg der Taliban in Afghanistan, gewinnt der IS zunehmend an Stärke.

Michael Wrase, Limassol
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Ausschnitt aus einem Propagandavideo des IS aus dem Jahr 2015: Kehrt die Terrorgruppe zu ihrer alten Stärke zurück?

Ausschnitt aus einem Propagandavideo des IS aus dem Jahr 2015: Kehrt die Terrorgruppe zu ihrer alten Stärke zurück?

AP militant website

14 Selbstmordattentäter standen bereit, um am ersten Weihnachtstag das Militärgefängnis von Hassake zu stürmen. Die Stadt liegt im Nordosten von Syrien und wird von der von «Syrisch-Demokratischen Union» (SDF), einer von den USA unterstützten Kurdenorganisation mit sozialistischem Hintergrund, kontrolliert. Sekunden vor der Kamikazeattacke wollte der sogenannte «Islamische Staat» noch zwei Autobomben vor der Haftanstalt zünden. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte die Terrororganisation 60 ihrer Gesinnungsgenossen befreit. Doch in den Reihen des «IS» gab es einen Verräter.

Zwei Tage später dürfen Lokaljournalisten mit einigen der in Hassake inhaftierten Dschihadisten sprechen. Dem «IS», erzählen sie der Korrespondentin des Beiruter Online-Portals «Al Monitor», hätten sie sich nicht aus religiösen oder ideologischen Motiven, sondern «in erster Linie wegen des Geldes» angeschlossen. «Nachdem meine Felder verdorrt waren, hatte ich hohe Schulden», berichtet der 24-jährige Vater von drei Kindern. Um sie zu ernähren, habe er die Hilfe des «Islamischen Staates» angenommen.

Die schlimmste Dürre seit 70 Jahren

«Ich hatte keine andere Wahl», betont der junge Mann mit gesenktem Blick. Andere IS-Rekruten erzählen ähnliche Geschichten. Erstaunlich ist dies nicht. Syrien wird von der schlimmsten Dürre seit 70 Jahren heimgesucht. Besonders betroffen ist der Nordosten des Landes, wo die meisten Feldfrüchte des Landes angebaut wurden. Den «Todesstoss» habe den Bauern schliesslich die Coronapandemie versetzt, die zeitgleich mit dem Zusammenbruch der syrischen Währung kam, analysiert ein kurdischer Geheimdienstoffizier, der ungenannt bleiben möchte.

Um zu überleben hätten die bitterarmen Menschen nur zwei Möglichkeiten: Über die Türkei oder Weissrussland nach Europa zu fliehen, was die Mehrheit noch immer versuche, oder sich dem IS anzuschliessen. Nach einem kürzlich veröffentlichten Bericht des US-Finanzministeriums verfügt die Organisation über «Barreserven von bis zu 50 Millionen Dollar», welche nicht nur in Syrien und im Irak, sondern auch in der Türkei «gebunkert» würden. Auch bei der Verschiebung der Gelder könnten sich die Extremisten auf türkische Finanzmakler und Bankhäuser verlassen.

«Um im Kampf gegen den wiedererstarkenden IS an Boden zu gewinnen, müssten sich die wirtschaftlichen Bedingungen im Osten Syriens verbessern»,

zeichnet Mazlum Kobane, der Oberbefehlshaber der kurdischen «SDF»-Milizen ein düsteres Bild der Lage. Zu rechnen sei damit in absehbarer Zeit nicht.

12 der 21 Millionen Syrer haben aufgrund der Dürre keinen Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und Strom mehr. «Die Menschen haben aufgehört, Obst, Gemüse, Eier und Käse zu essen», sagt Elisabeth Tsurkov, die an der Princeton University zu Syrien forscht. Wirklich günstig sind die Rahmenbedingungen nur für den IS.

Sieg der Taliban als Antrieb für den IS

Spürbaren Auftrieb habe den Dschihadisten auch der Sieg der Taliban in Afghanistan gegeben. Besonders in den am Euphrat gelegenen Dörfern in Osten Syrien sei die Zahl der IS-Zellen in den letzten Monaten regelrecht explodiert, klagt ein «SDF»-Kommandant, der sich von den USA und ihren Verbündeten alleingelassen fühlt.

Sie führten den Kampf gegen den «IS» nur noch «halbherzig», analysiert der in Istanbul lebende syrische Militärexperte Ahmed Rahal. Die Extremisten seien daher in der Lage, «aus dem strategischen Versagen des Westen» Kapital zu schlagen. Den Krieg verloren, wie dies der ehemalige US-Präsident Donald Trump vor zwei Jahren behauptet hatte, hätten die Dschihad-Kämpfer noch lange nicht.

Bei ihrem «Comeback» könnten sich die Extremisten auch auf die Unterstützung der türkischen (Regierungs)-Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) verlassen. «Dort finden Sie die grössten Freunde des IS», behauptet Abed Mehbes vom kurdischen Exekutivrat in Nordost-Syrien. Tatsächlich hatte die Türkei bis vor vier Jahren, als der IS aus seiner Hochburg Mosul vertrieben wurde, Tausenden von IS-Gefolgsleuten den Grenzübertritt nach Syrien und Irak gestattet. Der Kampf der syrischen Kurden gegen die islamistischen Extremisten, klagt Mehbes, werde dagegen auch heute noch von der türkischen Armee torpediert.

Welche Bedrohung aktuell vom IS ausgeht

«Im Moment ist der IS vor allem eine regionale Bedrohung», glaubt der französische Terrorismusexperte Jean Charles Brisard. Dies gelte für Syrien und den Irak. «Die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit und Ungleichheit» habe dort viele junge Menschen in Richtung Radikalisierung getrieben, analysiert Kamaran Palani vom Nahost-Forschungsinstitut in Arbil, der Hauptstadt des irakischen Kurdistan.

Ihrem Traum vom Kalifat haben Islamisten in aller Welt niemals aufgegeben. Sollte es dem IS gelingen, im Nahen Osten wieder ein zusammenhängendes Territorium zu kontrollieren, könnte die Terrororganisation auch für Islamisten in Europa wieder an Attraktivität gewinnen - und damit auch die extreme Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele.

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