Swetlana Tichanowskaja
Weissrusslands Freiheitskämpferin kommt am Sonntag in die Schweiz

Die Weissrussin Swetlana Tichanowskaja kommt nach Bern. Dort will sie über die in Minsk inhaftierte Natallia Hersche reden – und über mögliche schwarze Kassen des Diktators Lukaschenko.

Paul Flückiger aus Warschau
Drucken
Teilen
Mutmassliche Wahlsiegerin Weissrusslands: Swetlana Tichanowskaja besucht am Wochenende die Schweiz.

Mutmassliche Wahlsiegerin Weissrusslands: Swetlana Tichanowskaja besucht am Wochenende die Schweiz.

Heikki Saukkomaa / AP

«Haltet euch an die Liebe! Tut, was ihr liebt», sagt die zierliche Frau zum Schluss und lächelt zaghaft. Die jungen Zuhörerinnen der Warschauer Europa-Universität reiben sich die Augen. Gesprochen hat auf einer ihrer ersten Auslandsreisen gerade Swetlana Tichanowskaja, die verhinderte neue Staatspräsidentin Weissrusslands. Sie ist kämpferisch, vor allem aber ist sie persönlich, verletzlich und offen.

Fünf Monate später trifft Tichanowskaja am Sonntag zu einem dreitägigen Staatsbesuch in Bern ein. Mit im Gepäck hat sie viel Erfahrung aus Dutzenden Treffen mit EU-Regierungen, Diplomaten und Staatspräsidenten, die das Glück haben, in Demokratien zu leben. Die Mitdreissigerin hat viel politisches Profil gewonnen, doch noch immer wirkt sie offen, idealistisch und unverbraucht.

In Bern wolle sie über die von der Justiz des Autokraten Alexander Lukaschenko zu einer langen Haftstrafe verurteilte schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natallia Hersche sprechen, kündigte Franak Wiaczorka, ihr aussenpolitischer Berater an.

Gelder aus dem inneren Zirkel Lukaschenkos

Doch im Umkreis von Tichanowskajas politischem Stab im litauischen Zwangsexil hegt man grössere Hoffnungen. Dort wird vermutet, dass Geldströme von Minsk über die Schweiz geleitet werden dürften, darunter auch Fluchtkapital aus dem inneren Machtzirkel des Regimes, von dem sich Teile auf diese Weise heimlich abspalten dürften.

Wie die EU hat auch Bern gewisse Konten eingefroren und Einreisesperren gegen ein paar hohe Beamte verhängt, denen Wahlfälschung und besondere Brutalität bei der Niederschlagung des Volksaufstands im Sommer 2020 nachgesagt werden. Doch den EU-Sanktionen schloss sich die Schweiz nur zaghaft und eher spät an. Nun erhofft man sich mehr Zusammenarbeit mit der demokratischen Opposition. Und auch wirtschaftlichen Druck auf das Regime, das rund 270 weitere politische Gefangene in Strafkolonien und Arbeitslagern hält und noch gegen mindestens 2200 Demonstranten Prozesse führen will.

Von der Hausfrau zur Hoffnungsträgerin einer ganzen Nation

Swetlana Tichanowskaja hatte im Sommer 2020 aus Liebe und Pflichtgefühl ihren verhafteten Ehemann, den oppositionellen Videoblogger Sergej Tichanowski, als Präsidentschaftskandidatin ersetzt. Zuvor war sie Hausfrau und Englischübersetzerin, wurde deshalb vom Regime nicht ernst genommen und zur Wahl zugelassen.

Tichanowskaja versteht sich seitdem als Wahlsiegerin der Präsidentenwahlen vom 9. August 2020. Parallelzählungen der Opposition sahen sie damals vorne, doch zum Sieger mit angeblich rund 80 Prozent der Stimmen erklärte ich der seit 1994 angeblich bereits sechsmal als Staatspräsident wiedergewählte Aleksander Lukaschenko. Dies führte zu den heftigsten Nachwahlprotesten seit den dreisten Fälschungen von 2006.

Staatspräsident Alexander Lukaschenko.

Staatspräsident Alexander Lukaschenko.

Keystone

Der Autokrat liess seine Schergen mit Gummigeschossen und auch scharfer Munition auf die Demonstranten schiessen. Mindestens zehn Protestierende wurden dabei getötet. Doch die Weissrussen liessen sich nicht mehr von der Angst besiegen und demonstrierten zu Zehntausenden in Dutzenden von Städten bis in den Herbst weiter. Erst massive Repressionen und lange Gefängnisstrafen für Protestierende haben die Strassen und Plätze leergefegt.

«Wir haben die Strasse verloren»

Heute wagen nur noch kleine Gruppen zu Randzeiten und in Aussenquartieren oder Dörfern Protestmärsche mit der verbotenen, historischen weiss-rot-weissen Landesflagge. «Wir haben die Strasse verloren», gab Tichanowskaja kürzlich in einem Interview zu. «Wir planen neue Proteste im Frühling», gab sie sich dennoch optimistisch.

Proteste im Dezember 2020. Im Frühling soll es erneut dazu kommen.

Proteste im Dezember 2020. Im Frühling soll es erneut dazu kommen.

Keystone

Aussichtsreicher angesichts der Repressionswelle scheint im Moment der Entzug jeglicher Legitimität für Lukaschenko im Ausland und damit einhergehend die Isolierung seines Regimes, das sich so nur noch auf den Kreml und Peking stützen kann. Tichanowskaja hofft, den jahrelang zwischen Hilfsgeldern aus dem Osten und Westen lavierenden Lukaschenko so zu Verhandlungen über einen Machttransfer zu zwingen.

Aktuelle Nachrichten