Supersonderpreis
Die Reichen-Insel Sylt fürchtet einfallende Punk-Horden: Deutschland zwischen Angst und Vorfreude wegen 9-Euro-Zugbillett

Für nur neun Euro quer durch Deutschland: Das ist ab Sommer möglich. Nicht alle freuen sich darauf - befürchtet werden «chaotische und abschreckende» Szenen.

Cornelie Barthelme, Berlin
Drucken
Das begehrte Stück: 9-Euro-Billett in den Händen eines Passagiers der Berliner S-Bahn.

Das begehrte Stück: 9-Euro-Billett in den Händen eines Passagiers der Berliner S-Bahn.

Imago

Während ganz Deutschland brav bis Montag wartet – weil das ja die Bundesregierung so festgelegt hat – lässt es die Hauptstadt schon am Freitag krachen. Wer ab Juni für neun Euro pro Monat durch Deutschland reisen will, den bedient die Berliner Verkehrsgesellschaft BVG schon jetzt. Getreu ihrem Werbeslogan: «Weil wir dich lieben.»

Das ist die blanke Einschleimerei. Die aber bitter nötig ist – denn der Berliner ÖV ist eine Katastrophe, ganz grundsätzlich. Obwohl ausser der BVG mit U-Bahn, Bussen, Tram auch S- und Regionalbahn Pendler und Touristen in die Hauptstadt hinein- und wieder aus ihr herausschaufeln. Aber gerade die Bahnen sind notorisch unpünktlich. Und, Pandemie oder nicht, brachial überfüllt.

Während also am Freitagnachmittag im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz ein älterer Mann dem passierenden Publikum 9-Euro-Ticket-Werbung in die Hände drückt, beginnt am eine Station entfernten Bahnhof Zoo die Lage wie gewohnt zu eskalieren. Die Nahverkehrs- und Regionalzüge verspäten sich auf allen Linien, 30 Minuten sind noch wenig, die Bahnsteige laufen voll – und die Bahnen sind es schon. Und bitte: Bis zum Start des Supersonderreiseangebots sind es noch dreizehn Tage.

Eine «einmalige Chance» - glaubt die Bahn

Wahrscheinlich ist Daniela Gerd tom Markotten die Einzige, die das Ticket «eine einmalige Chance» nennt, «ein Kundenerlebnis» in Aussicht stellt – und das positiv meint. Allerdings ist tom Markotten Digitalvorständin der Bahn AG, sie wird auch für chronischen Optimismus bezahlt und fürs Schönmalen. «Erlebnis» kann ja alles bedeuten.

Für Berlin, befand vor 95 Jahren Kurt Tucholsky, gehöre dazu «vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstrasse»; deshalb machen sie sich jetzt, beispielsweise, auf Usedom ziemliche Sorgen. Im Koalitionsausschuss der Ampel hat in einer sehr langen Nacht Ende März kein Mensch an Tucholsky gedacht – sondern daran, dass Bahnpendler maulen könnten, wenn Autofahrer ein bisschen subventioniert werden, sie aber nicht. Für mehr Überlegung war keine Zeit. Deshalb herrscht seitdem anderswo allgemeines Kopfzerbrechen.

Zwischen Angst und Vorfreude

Die Länder sind kiebig – weil die gesamte Umsetzung an ihnen hängenbleibt. Die Kosten auch. Der Bund schiesst zwar 2,5 Milliarden Euro zu; aber niemand weiss, wie weit man damit kommt. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen rechnet mit 30 Millionen Ticketnutzern in jedem der drei Monate. Wie viele davon wirklich sparwillige umsteigende Autopendler sein werden – weiss auch wieder keiner.

Der Fahrgastverband Pro Bahn jedenfalls fürchtet schon mal «chaotische und abschreckende Zustände». Und auch auf Deutschlands «Insel der Reichen und Schönen» machen sie sich Sorgen. Zwar muss, wer sich am Sylter Strand ergehen will, noch vier Euro Kurtaxe drauflegen. Aber das ist immer noch ein Spottpreis – wenn im Restaurant der «Friesencocktail von frisch marinierten Nordseekrabben» schon 16 kostet. Die Sylt Marketing GmbH sieht Horden von Punks die Insel fluten – ganz wie es die Facebook-Gruppe «Chaostage Sylt» verheisst. Und hält den 9-Euro-Traum für einen Alptraum.

Aktuelle Nachrichten