Südkorea
«Ich dachte, es wäre Krieg»: Ein gescheiterter Raketenstart in Südkorea löst Panik aus

Im südkoreanischen Gangneung hat ein fehlgeschlagener Raketenstart Panik ausgelöst. Der zunächst verdeckt gehaltene Vorfall kommt zu einem Zeitpunkt erhöhter Spannungen.

Fabian Kretschmer, Peking
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Vier Raketen wurden erfolgreich abgefeuert, der fünfte Abschuss schlug fehl. Die südkoreanische Bevölkerung reagiert verunsichert.

Vier Raketen wurden erfolgreich abgefeuert, der fünfte Abschuss schlug fehl. Die südkoreanische Bevölkerung reagiert verunsichert.

AP

Es war ein furchteinflössender Anblick. Nur Stunden, nachdem Nordkorea eine Mittelstreckenrakete über Japan abgefeuert hatte, entdeckten die Anwohner der südkoreanischen Küstenstadt Gangneung einen orange leuchtenden Flugkörper über dem Nachthimmel ihrer Stadt.

Wenig später loderten riesige Flammen von der nahegelegenen Militärbasis auf. Was war geschehen? Bis zum Morgengrauen tasteten die Südkoreaner im Dunkeln. Die Fernsehnachrichten erwähnten den Vorfall nicht, auch die grossen Zeitungen blieben stumm.

Das Informationsvakuum wurde auf den sozialen Medien mit wilden Spekulationen gefüllt: «Ich dachte, es wäre Krieg», kommentierte etwa ein Südkoreaner. Andere Bewohner in Gangneung verliessen fluchtartig ihre Wohnungen − aus Angst, es handele sich um einen Angriff Nordkoreas, das nur 100 Kilometer entfernt liegt.

Ein äusserst delikater Zeitpunkt

Erst nach rund neun Stunden schaffte das südkoreanische Militär Klarheit: Ein Raketenstart der eigenen Streitkräfte in der Nacht auf Mittwoch sei schief gelaufen, hiess es. Der Flugkörper der Kurzstreckenrakete habe zwar einen Sprengkopf mit sich geführt, dieser sei allerdings nicht explodiert. Niemand sei bei den Ereignissen zu Schaden gekommen.

Die aus Nordkorea abgefeuerte Rakete überquerte Japan.

Die aus Nordkorea abgefeuerte Rakete überquerte Japan.

Kimimasa Mayama / EPA

Doch der Vorfall kommt zu einem äusserst delikaten Zeitpunkt. Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel sind derzeit so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Am Dienstag feuerte Nordkorea seine bisher weiteste Rakete ab, die erstmals seit über fünf Jahren wieder über die japanische Inselkette hinweg flog – und dort einen seltenen Raketenalarm auslöste.

Die gemeinsamen Streitkräfte der Südkoreaner und US-Amerikaner reagierten – und feuerten in der Nacht auf Mittwoch vier Boden-Boden-Raketen in Richtung Japanisches Meer, um Nordkorea vor weiteren Provokationen abzuschrecken.

Die eigene Bevölkerung aufgeschreckt

Doch tatsächlich schreckten sie vor allem die südkoreanische Bevölkerung auf. Denn der südkoreanische Generalstab kehrte zunächst unter den Teppich, dass in Gangneung auch eine fünfte Rakete abgefeuert wurde, die aus bisher unbekannten Gründen fehlschlug.

Dass man den Vorfall fast neun Stunden lang verdeckt hielt, ist ein offensichtliches Zeichen für ein Embargo, welches die Behörden über das sensible Thema verhängt haben. Die radikale Massnahme wirkte jedoch konterproduktiv, weil sie die Vertrauenswürdigkeit der Armeeführung nachhaltig beschädigt hat

Und es ist durchaus ein ironischer Wink des Schicksals, dass sich der Vorfall ausgerechnet in Gangneung ereignet hat. Denn im eigentlich verschlafenen Küstenort, keine anderthalb Autostunden von der verminten Demarkationslinie entfernt, ist die Bevölkerung ganz besonders wachsam gegenüber der Bedrohung aus dem Norden: Im September 1996 wurde hier unverhofft ein gestrandetes U-Boot aus Nordkorea aufgefunden, was über Nacht die Bevölkerung in Panik versetzte. Bei der anschliessenden Fahndung nach den Besatzungsmitgliedern kamen damals mehrere dutzend Personen nach Schusswechseln ums Leben, darunter auch mehrere Zivilisten.