Skandinavien
Tiefe Trauer in Norwegen: Die wichtigsten Antworten zum Terroranschlag in Oslo

Ein tödlicher, mutmasslich islamistisch motivierter Terrorangriff löste in der norwegischen Hauptstadt Panik und Entsetzen aus. Das Trauma von Utøya war sofort wieder sehr präsent.

Niels Anner, Kopenhagen
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Die norwegische Flagge über einem Blumenmeer: Oslo trauert um die Opfer des mutmasslich islamistischen Anschlags vom Wochenende.

Die norwegische Flagge über einem Blumenmeer: Oslo trauert um die Opfer des mutmasslich islamistischen Anschlags vom Wochenende.

Bild: Keystone

Am Wochenende waren in Oslo nach der Pandemie endlich wieder Hunderttausende bereit für die Pride-Parade. Es wimmelte in der lauen Sommernacht von fröhlichen Leuten, doch die Freude verwandelte sich jäh in Schock, als ein Attentäter um sich zu schiessen begann.

Was ist genau passiert?

Der mutmassliche Täter griff in der Nacht auf Samstag im Ausgangsviertel in der Innenstadt zuerst das von Homosexuellen frequentierte «London Pub» an, schoss wahllos in die Menge draussen an den Tischen. Danach feuerte er mit einer – offenbar älteren – automatischen Waffe sowie einer Pistole auch auf einen Imbissstand daneben sowie auf weitere Bars. Es entstand Panik, doch der 42-jährige Schütze konnte nach wenigen Minuten von Passanten und Polizisten überwältigt werden. Zurück blieb eine verängstigte Menschenmenge – und zwei Tote, zwei Männer zwischen 50 und 70 Jahren, sowie über 20 Verletzte.

Was weiss man über den Täter?

Der Attentäter, ein Norweger iranischer Abstammung, war der Polizei wegen kleinerer Gewalt- und Drogendelikten sowie wegen psychischen Problemen bekannt. Zudem war er durch extreme islamistische Haltungen aufgefallen, unter anderem sympathisierte er laut dem Geheimdienst mit der Terrormiliz IS. Im Frühling war er laut Medienberichten mit einem bekannten norwegischen Islamisten in Kontakt, der unter anderem zu Gewalt gegen Homosexuelle aufgerufen hatte.

Daraufhin beorderte der Geheimdienst den 42-Jährigen zu einem Gespräch, erkannte aber «keine Absicht, Gewalt anzuwenden». «Vielleicht war unsere Einschätzung falsch», sagte Geheimdienstchef Roger Berg am Samstag. Hierzu wird zweifellos noch Kritik laut werden.

Terror oder Hasskriminalität?

Der Geheimdienst geht von islamistischem Terror aus; die Polizei sagte am Sonntag, man untersuche mehrere Hypothesen, darunter auch psychische Probleme, Hasskriminalität – oder eine Kombination von allem. Am Sonntag schockierte der 42-Jährige die Öffentlichkeit erneut: Er liess sich nicht verhören, da er laut seinem Anwalt «aus Furcht vor Manipulationen» Videoaufzeichnungen verweigerte – ausser sie würden in ihrer ganzen Länge veröffentlicht. Dieses Verhalten erinnert an den Rechtsradikalen Anders Behring Breivik, der 2011 bei einem Bombenangriff in Oslo 8 Personen tötete und danach im Juso-Lager auf der Insel Utøya 69 weitere kaltblütig erschoss. Auch er suchte nach seiner Verhaftung öffentliche Beachtung.

Warum ist das Entsetzen gerade in Oslo gross?

Das Trauma der Attentate von 2011 und das Gefühl von Verletzlichkeit gegenüber brutalen Gewalttätern steckt bis heute tief in der norwegischen Gesellschaft. Vieles kommt jetzt wieder hoch. Zudem ist die Pride betroffen: Die Parade hätte Hunderttausende, auch viele Ausländer, auf die Strassen gelockt. Jetzt wurde sie auf Anraten der Polizei abgesagt: Die Lage war wenige Stunden nach dem Attentat noch unübersichtlich, der Geheimdienst befürchtet mögliche Nachahmer; das Terrorrisiko wurde auf die höchste Stufe gesetzt.

Viele Menschen zog es aber dennoch auf die Strassen der norwegischen Hauptstadt, wo die Polizei grosse Präsenz markierte. Es herrschte eine Mischung aus kollektiver Trauer, Solidarität und Protest gegen Angriffe auf Homosexuelle und Transgender-Personen. Ministerpräsident Jonas Gahr Støre erklärte in einem Gottesdienst am Sonntag:

«Der Angriff hat die Parade gestoppt, aber nicht den Kampf gegen Diskriminierung, Vorurteile und Hass.»