Türkei
Schweizer Kurde: «Sinnlos, innertürkische Konflikte in der Schweiz auszutragen»

Mustafa Atici, Schweizer Politiker mit kurdischen Wurzeln, im Interview zur Situation in seinem Heimatland. Der Basler SP-Grossrat glaubt, dass Erdogan eine Art Ausnahmezustand erzeugen möchte, von dem er bei den nächsten Wahlen profitieren kann.

Daniel Fuchs
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Mustafa Atici: «Die Kurden in der Schweiz sind äusserst politisch.»

Mustafa Atici: «Die Kurden in der Schweiz sind äusserst politisch.»

Keystone

Erdogan lässt die Kurden ins Leere laufen. Ein harter Schlag für Sie?

Mustafa Atici *: Nicht nur für mich als Kurde, sondern für alle Türken. Seit mehr als dreissig Jahren herrscht ein Krieg zwischen der kurdischen Guerilla und der türkischen Armee. Zahlreiche Dörfer wurden verbrannt, 40000 Menschen sind ums Leben gekommen. Andere haben Jahrzehnte im Gefängnis verbracht. Der Friedensprozess wäre für sämtliche Ethnien wichtig, die in der Türkei leben.

Mustafa Atici.

Mustafa Atici.

Warum tut Erdogan das?

Erdogan kämpft um seine Macht. Nun befindet er sich in einem Dreifrontenkrieg gegen IS, Assad und die Kurden. Damit hofft er, eine Art Ausnahmezustand zu erzeugen, von dem er bei den nächsten Wahlen profitieren kann. Der Kurdenpartei HDP will er die Stimmen abjagen, die er bei den Wahlen im Juni an sie verloren hat.

Werden sich die Kurden wehren, sogar mittels Gewalt?

Der Präsident der Kurdenpartei HDP mit ihren 13 Prozent Wähleranteil sagte, dass alles andere als Friede keine Option sei. Die Kurden selbst haben verstanden, dass sie bei einem Krieg immer die Verlierer sind. Sie werden alles dafür unternehmen, nicht in einer Extremismus-Ecke zu landen.

Wie äussern sich die Kurden in der Schweiz dazu?

Die Kurden in der Schweiz sind äusserst politisch. Das weltweit beste Resultat bei den Auslandkurden hat die HDP in der Schweiz erzielt. Die jetzige Situation stellt die Kurden in der Schweiz aber vor keine neue Situation. Denn sie sind ja leider immer wieder dazu gezwungen, auf der Strasse für die Anliegen der Kurden zu demonstrieren.

In den 90er-Jahren kam es in der Schweiz zu Gewaltausbrüchen. Befürchten Sie eine erneute Welle der Gewalt?

Nein. Damals begingen die Kurden Fehler, sie waren politisch unerfahren.

Was haben sie daraus gelernt?

Dass es sinnlos ist, die innertürkischen Konflikte in der Schweiz auszutragen. Die Kurden in der Schweiz haben längst erkannt, dass sie nur über Lobbying, zum Beispiel bei der schweizerischen Aussenpolitik, Veränderungen herbeiführen können.

In diesem Frühling war immerhin die Rede von einer gewaltbereiten kurdischen Strassengang in der Schweiz namens Sondome.

Ich kenne die nicht, vermute bei ihr aber keine politischen Inhalte. Vielmehr handelt es sich wohl um eine bandenmässige Organisation mit wirtschaftskriminellen Absichten.

*Mustafa Atici ist Kurde und SP-Grossrat von Basel-Stadt.

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