Schutzmassnahme
Traurig für Touristen, wichtig für die Stadt: Italien verbannt ab 1. August Kreuzfahrtschiffe aus Venedig

Unter Regierungschef Mario Draghi gelingen plötzlich Dinge, die jahrzehntelang unmöglich schienen: Bald gibts ein Tourismusziel weniger für Kreuzfahrttouristen.

Dominik Straub aus Rom
Drucken
Teilen
Dürfen in Zukunft nicht mehr durch Venedigs Kanäle tuckern: grosse Kreuzfahrtschiffe.

Dürfen in Zukunft nicht mehr durch Venedigs Kanäle tuckern: grosse Kreuzfahrtschiffe.

Getty

Nach jahrelangen Protesten von Bürgerinitiativen und ebenso langer Verzögerungstaktik der venezianischen Behörden und der Tourismusbranche kommt überraschend der Durchbruch: Am Dienstagabend hat Italiens Infrastrukturminister Enrico Giovannini bekannt gegeben, dass Kreuzfahrtschiffe das Becken von San Marco und der Canale della Giudecca in Venedig nicht mehr passieren dürfen.

Das Verbot gilt für Schiffe, die schwerer sind als 25'000 Tonnen, länger sind als 180 Meter oder höher als 35 Meter, also nur für die grössten Dampfer. Diese müssen ab dem 1. August einen Bogen um die Lagunenstadt machen und den Industriehafen Marghera anlaufen. Kleinere Kreuzfahrtschiffe sollen weiterhin im Hafen des historischen Zentrums anlegen dürfen.

Mario Draghi griff in die Notrechtkiste

Infrastrukturminister Giovannini bezeichnete die Massnahme als «notwendigen Schritt, um die Umwelt, die Landschaft sowie die künstlerische und kulturelle Integrität von Venedig zu schützen». Kulturminister Dario Franceschini sprach gar von einem «historischen Moment für Venedig». Das nun erlassene Verbot trage den Sorgen der Unesco und der Bürgerinnen und Bürger Rechnung, die seit Jahren darüber entsetzt seien, dass derartige Giganten ungehindert vor dem «schönsten und zugleich verletzlichsten Ort der Welt» vorbeifahren dürften.

Die UNO hatte damit gedroht, der Stadt den Weltkulturerbetitel zu entziehen.

Die UNO hatte damit gedroht, der Stadt den Weltkulturerbetitel zu entziehen.

Keystone

Regierungschef Mario Draghi, der sich schon frühzeitig für die Verbannung der Riesenpötte aus Venedig ausgesprochen hatte, war ganz einfach der Geduldsfaden gerissen: Die Massnahme wurde am Dienstag per Dekret beschlossen, also per Notrecht.

Drohung der UNO hat gewirkt

Der Druck auf die Regierung in Rom, endlich etwas zu unternehmen, war in den letzten Monaten gestiegen: Ende Juni hatte die Unesco gedroht, Venedig auf die rote Liste derjenigen Weltkulturerbe-Stätten zu setzen, die diesen Status verlieren könnten. Venedig und seine Lagune sind seit 1987 Weltkulturerbe.

Die UN-Fachleute kritisierten den Umstand, dass sich die Kreuzfahrtriesen bis auf wenige Dutzend Meter der Piazza San Marco und dem Dogenpalast annähern können. Die von den Schiffen verursachten Wellen schaden den Fundamenten der Lagunenstadt. Ausserdem bemängelte die Unesco einen «erheblichen Verlust von Authentizität», der durch den Massentourismus und die damit einhergehende Abwanderung der Einheimischen erfolgt sei.

Gleichzeitig mit dem Erlass des Verbots hat die Regierung Draghi einen Fonds von 157 Millionen Euro geschaffen: In erster Linie soll damit in den Hafen von Marghera investiert werden, wo die grossen Kreuzfahrtschiffe in den nächsten Jahren anlegen werden. Ein Teil des Geldes ist aber auch für Entschädigungszahlungen an Unternehmen und Private reserviert, die aufgrund der Massnahmen finanzielle Einbussen erleiden werden.

Aktuelle Nachrichten