Myanmar
Rohingya – oder das Volk, das niemand haben will

Die muslimischen Rohingya werden in Myanmar brutal verfolgt – die aktuelle Gewalt gleicht einem alten Muster.

Leo Eiholzer
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400000 Rohingya sind laut Angaben der UNO bereits aus Myanmar nach Bangladesch geflüchtet. Dar Yasin/AP/Keystone

400000 Rohingya sind laut Angaben der UNO bereits aus Myanmar nach Bangladesch geflüchtet. Dar Yasin/AP/Keystone

AP

«Soldaten betraten das Dorf, ich floh in den Dschungel. Als ich am nächsten Morgen zurückkam, sah ich vierzig bis fünfzig tote Dorfbewohner. Darunter waren alte Menschen und Kinder. Sie alle hatten Messerstiche und Schusswunden, einige beides. Mein Vater war unter den Toten, seine Kehle war durchgeschnitten worden.» So erzählt die 32-Jährige Momena der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch in einem Flüchtlingslager in Bangladesch von ihrem Leid. Sie habe ihren zehnjährigen Sohn und ihren Ehemann zurücklassen müssen. Ob die beiden noch leben, weiss sie nicht.

Der Grund, warum Momena und Hunderttausende andere diesen Horror erleben müssen: Sie sind Rohingya. So wird eine muslimische Minderheit aus dem Teilstaat Rakhaing im grösstenteils buddhistischen Myanmar (ehemals Burma) genannt. Über 400 000 von ihnen sind laut UNO-Angaben auf der Flucht vor der Armee nach Bangladesch gelangt.

Verfolgte Minderheit

In Europa hat das Wort «Rohingya» bis Ende August, als die Berichte der Gewalttaten die internationale Presse erreichten, wohl kaum einer gehört. Dabei beschrieb die UNO die Rohingya bereits 2012 als «die am meisten verfolgte Minderheit der Welt». Auch in der aktuellen Krise äussert sich die UNO-Sonderberichterstatterin, Yanghee Lee, klar: Die aktuellen Vorgänge seien «ein Musterbeispiel für ethnische Säuberung».

Dennoch ist der neue Gewaltausbruch höchstens wegen seiner Intensität eine Normabweichung. Die Rohingya erleben seit Jahrzehnten Diskriminierung und Verfolgung, immer wieder startet das Militär Offensiven gegen die Volksgruppe. Die Regierung hält die Rohingya für illegale Einwanderer aus Bangladesch. «Es gibt in Myanmar keine Rohingya», lautet die offizielle Parole im Umgang mit ihnen. Diese basiert aber nachweislich auf falschen Fakten. Im 16. Jahrhundert gab es schon reiche muslimische Kaufleute im heutigen Myanmar. Der Grossteil der Vorfahren der heutigen Rohingya immigrierte während der britischen Kolonialzeit, also kurz nach 1826.

Aung San Suu Kyi.

Aung San Suu Kyi.

Keystone

Dennoch haben Rohinyga keine Staatsangehörigkeit, dürfen nur mit Genehmigung, die oft unbegründet verweigert wird, heiraten und leben in unhaltbaren Zuständen in Flüchtlingslagern auch innerhalb des Landes. Die schrittweise Demokratisierung des Landes, das Jahrzehnte von einer Militärjunta geführt wurde, brachte kaum Verbesserung. Deshalb leben von den geschätzten 1,8 Millionen Rohingya nach dem neusten Exodus nur noch 400 000 überhaupt in Myanmar.

«Friedensengel» gegen den Frieden

«Friedensikone», «Lady», «Friedensengel»: Die Liste der blumigen Beschreibungen für Aung San Suu Kyi ist lang. Sie wird in einem Atemzug mit Mahatma Gandhi und Nelson Mandela genannt. Jahrzehntelang kämpfte sie gegen die Militärjunta in Myanmar und stand 15 Jahre unter Hausarrest. 1991 wurde ihr für ihren Protest der Friedensnobelpreis verliehen. Ihre gewaltlosen Aktionen hatten Erfolg – mittlerweile wurde Myanmar zumindest teilweise demokratisiert und die 72-Jährige ist zum informellen Staatsoberhaupt aufgestiegen.

Die Politik, die sie in ihrer Position jetzt mitträgt, ist aber alles andere als gewaltlos. Hunderttausende Rohingya müssen vor brutalen Aktionen der Armee flüchten. Während sich die UNO klar positioniert und von einer «ethnischen Säuberung» spricht, verschliesst Suu Kyi den Mund. Wenn, dann äussert sie sich verständnisvoll über das Vorgehen und sagt, dass die Unterstützung der Rohingya nur «den Interessen der Terroristen diene». So sagte sie auch ihre Teilnahme an der UNO-Vollversammlung vor einigen Tagen ab und entging so der Konfrontation mit der Weltöffentlichkeit.

Suu Kyi und ihre Partei besetzen in der Regierung die Mehrheit der Ministerposten. Dennoch ist der Einfluss des Militärs gross, das Land nur teilweise demokratisiert. Der Kommandeur der Armee hat laut Verfassung nach wie vor das Recht, den Ausnahmezustand auszurufen und so die Macht zu übernehmen.

Der Mehrheitsführer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell, sagte gestern, Suu Kyi sei «die grösste Hoffnung auf demokratische Reformen». Sie habe in einem Telefongespräch mit ihm betont, dass «Menschenrechtsverletzungen thematisiert werden müssen».

Trotz dieser zaghaften Vorstösse ist es gut möglich, dass Suu Kyi kaum etwas sagt,
um keinen Vorwand für einen Putsch zu liefern. (LEI)

Die neue Welle der Gewalt folgt einem altbekannten Muster: Eine Aggression von Exponenten einer Bevölkerungsgruppe führt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Schliesslich schaltet sich die Armee aufseiten der Buddhisten ein, Zehntausende Rohingya fliehen. Seit Jahrzehnten verhält es sich so. Teilweise sind die Auslöser klein, manchmal gross. 2012 reichte ein einzelner Kriminalfall für Verwüstungen von mehreren Dörfern, einmal soll gar nur das Feilschen auf dem Dorfmarkt ausser Kontrolle geraten sein.

Jeder Rohingya ist ein Feind

Die neuen Kämpfe brachen aus, als Kämpfer der Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) über 20 Polizeistationen angriffen und Sicherheitskräfte töteten. Ihr Ziel sei die Anerkennung der Rohingya als Ethnie. Nichtregierungsorganisationen berichten, dass dieARSA von Saudi-Arabien aus operiert und auch von dort finanziert wird. Die Armee schlug mit aller Kraft zurück und verschont die Zivilbevölkerung nicht. Jeder Rohingya ist ein Feind, Augenzeugen berichten von Helikopterangriffen auf Zivilisten. Der Zugang in das Gebiet ist schwierig, doch die Berichte und die grosse Flüchtlingsbewegung machen klar: Die Rohingya sollen aus Myanmar vertrieben werden.

Das reiht sich nahtlos in vergangene Geschehnisse ein. Bereits 1978, 1991, 2001 und 2012 fanden grosse Militäroperationen statt. Rohingya wurden Opfer von willkürlichen Exekutionen, Vergewaltigungen und Zwangsarbeit. Sie flüchteten auch damals schon nach Bangladesch, wo sie unter prekären Bedingungen teilweise immer noch leben.

Silvan Wegmann zur Woche.

Silvan Wegmann zur Woche.

Silvan Wegmann

Kurz vor dem Angriff der Separatisten durften die Rohingya indes noch Hoffnung schöpfen. Die «Rakhaing-Komission», präsidiert vom früheren UNO-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan, hatte empfohlen, die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Klassen an Bürgern, die gegenwärtig vorgenommen wird, zu beenden. Vertreter der Regierung und aller Ethnien sollen zusammen ausarbeiten, wer ein Bürger Myanmars ist und wer nicht. Die Kommission wurde von der Regierung Myanmars mandatiert. Der UNO-Botschafter des Landes, Htin Lynn, sagte diese Woche in Genf vor dem UNO-Menschenrechtsrat, Myanmar wolle die 88 Vorschläge der Kommission umsetzen. Angesichts des aktuellen Vorgehens des Militärs dürfte dies aber nur ein Lippenbekenntnis sein. Die Rohingya bleiben also weiterhin ein Volk, das niemand haben will.

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