Revolte
Massaker hinter Gittern: In Ecuador ermorden Gefängnis-Gangs mehr als 100 Menschen

Die Szenen sind brutal, die Ordnungshüter anscheinend machtlos: Im südamerikanischen Land liefern sich bewaffnete Gruppierungen in Haftanstalten blutige Schlachten. Mit der Streichung der Essensrationen will die Gefängnisleitung jetzt ihren Kampfgeist schwächen.

Denis Düttmann, dpa
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Eine Angehörige eines Gefangenen in Guayaquil wartet vor den Gefängnistoren auf Neuigkeiten.

Eine Angehörige eines Gefangenen in Guayaquil wartet vor den Gefängnistoren auf Neuigkeiten.

AP

Verfeindete Gangs haben in einem Gefängnis nahe der ecuadorianischen Wirtschaftsmetropole Guayaquil ein Blutbad angerichtet: 116 Gefangene kamen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Banden in der Haftanstalt Guayas N1 ums Leben, wie die Staatsanwaltschaft des südamerikanischen Landes am Mittwoch mitteilte. Weitere 78 Gefangene und zwei Polizisten seien bei den Kämpfen verletzt worden.

«Es ist eine Tragödie, dass die kriminellen Banden im Kampf um die Kontrolle so weit gehen», sagte der Leiter des Strafvollzugs, Bolívar Garzón, im Radiosender FM Mundo. Mehrere Opfer sollen enthauptet worden sein. Soldaten zogen einen Sicherheitskordon um die Haftanstalt, um die Arbeit der Ermittler und Forensiker abzusichern.

400 Spezialpolizisten mussten anrücken

Bei den Bandenkämpfen kamen Schusswaffen und Sprengsätze zum Einsatz. Spezialeinsatzkräfte der Polizei brachten die Haftanstalt nach einem fünfstündigen Einsatz wieder unter ihre Kontrolle. Rund 400 Beamte seien beteiligt gewesen.

Banges Warten vor den Toren des Gefängnisses.

Banges Warten vor den Toren des Gefängnisses.

EPA

Den Banden gelinge es immer wieder, Waffen in das Gefängnis zu schmuggeln, räumte der Leiter des Strafvollzugs ein. Er war zum Zeitpunkt des Massakers gerade einmal einen Tag im Amt. Möglicherweise seien auch Justizvollzugsbeamte in den Schmuggel verwickelt.

Vor dem Leichenschauhaus in Guayaquil warteten derweil zahlreiche Angehörige von Häftlingen auf Informationen. Nancy, eine 35-jährige Angehörige eines Ermordeten, sagte der Zeitung «El Universo»:

«Wie soll ich meiner Tochter sagen, dass sie ihrem Vater den Kopf abgeschnitten haben? Das ist die schlimmste Art des Todes.»

Sie habe den Kopf ihres Mannes in einem Video aus dem Gefängnis erkannt. Er habe eine einjährige Freiheitsstrafe abgesessen und wäre in drei Monaten entlassen worden, sagte die Mutter.

Tote drinnen, Verzweifelte draussen: Die Szenen rund um das ecuadorianische Gefängnis von Guayaquil sind dramatisch.

Youtube/Reuters

Die Lage in dem Gefängnis blieb auch nach dem Ende der Kämpfe angespannt. Die Streitkräfte rückten mit gepanzerten Fahrzeugen in die Haftanstalt ein. Die Gefängnisleitung untersagte zunächst die Lieferung von Lebensmitteln. Damit solle verhindert werden, dass Menschen von ausserhalb als Geiseln genommen werden. Ausserdem schwäche es die Gefangenen und breche den Kampfgeist.

Ecuadors Präsident versetzt Land in Ausnahmezustand

Präsident Guillermo Lasso verhängte für 60 Tage den Ausnahmezustand über den Strafvollzug im ganzen Land. «Es ist bedauerlich, dass die Banden versuchen, die Gefängnisse zu einem Schlachtfeld für ihre Machtkämpfe zu machen», sagte der Staatschef bei einer Pressekonferenz.

In Ecuador kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in Gefängnissen. Im Juli kamen bei Krawallen in Haftanstalten in Cotopaxi und Guayaquil insgesamt 21 Menschen ums Leben. Im Februar waren bei heftigen Zusammenstössen zwischen rivalisierenden Banden in mehreren Gefängnissen 79 Menschen getötet worden.

In Lateinamerika werden viele Strafanstalten werden von Gangs kontrolliert. Oftmals sorgen die Sicherheitskräfte lediglich dafür, dass die Gefangenen in den Haftanstalten bleiben. Innerhalb der Mauern bleiben sich die Häftlinge weitgehend selbst überlassen. Zahlreiche inhaftierte Gangbosse steuern die Geschäfte ihrer kriminellen Organisationen aus dem Gefängnis heraus.

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