Russland
Putin verrät Journalisten, warum er sich nicht impfen lassen will

Der russische Präsident gab bei seiner Jahresmedienkonferenz den Musterknaben – und hat allerlei Ausreden parat.

Inna Hartwich aus Moskau
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In Russland laufe alles bestens, findet Wladimir Putin.

In Russland laufe alles bestens, findet Wladimir Putin.

Keystone

Eine Stunde und 21 Minuten dauerte es, bis Wladimir Putin bei seiner jährlichen Jahresabschluss-Medienkonferenz endlich auf den Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny zu sprechen kam. Natürlich nannte er Nawalny, der sich derzeit im Schwarzwald von der Vergiftung erholt, nicht beim Namen. Das hat der russische Präsident noch nie getan. Er sagt nur: Nun also zu «diesem Patienten einer Berliner Klinik».

Neue Recherchen eines internationalen Teams zeigten diese Woche auf, wie ein «Killerkommando» des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB Nawalny auf einer Dienstreise in Sibirien verfolgt und ihn dort vergiftet hat. Putin aber wischte die Vorwürfe, der russische Staat habe seinen schärfsten Gegner auf perfide Art aus dem Feld räumen wollen, einfach beiseite. «Diese Recherchen sind lediglich die Umdeutung von Dokumenten amerikanischer Geheimdienste», sagt Putin. Denn «dieser Patient da» werde von den Geheimdiensten unterstützt.

Das ganze sei nichts als eine einzige grosse Farce, versicherte Putin vor den Journalisten.

Es ist ein Trick, nichts anderes: Er wollte lediglich landesweit wahrgenommen werden. Wer ist er schon? Warum sollten wir ihn vergiften? Wäre es nötig gewesen, hätte man das zu Ende gebracht.

Putin lacht laut und schräg auf. Nächste Frage: Ukraine.

Steigende Armut und sinkende Brotpreise

Der Nawalny-Kommentar war der unheimlichste Part der diesjährigen medialen Putin-Show. Doch auch bei anderen Themen präsentierte der russische Präsident den versammelten Journalisten wilde Thesen, die wenig mit der Realität zu tun haben. Steigende Armut? «Es war auch schon schlimmer.» Steigende Preise? «Wir haben eine grossartige Ernte in diesem Jahr. Ich habe die Order herausgegeben, steigenden Brotpreisen Einhalt zu gebieten. Und Sie sehen: Die Preise sinken.» Das kollabierende Gesundheitssystem in Coronazeiten?

Die ganze Welt hat Probleme. Unser System ist effektiver als andere.

Es ist offenbar ohnehin alles gut, besser, ja am besten in Russland. Das ist Putins Mantra, das er in der viereinhalbstündigen Medienkonferenz immer und immer wieder wiederholte. Pandemiebedingt fand der Anlass in einem Hybridformat statt: Putin sass in seiner Residenz, die Journalisten in extra für sie geschaffene Fragezentren quer durchs Land. Aber auch «einfache Bürger» konnten dem Präsidenten ihre Fragen stellen. Gerade ausländischen Beobachtern biete die Ansprache einen wichtigen Einblick in die Denkweise des Kreml.

Putins Impf-Ausrede

Auf Interesse stiess natürlich auch der russische Coronaimpfstoff «Sputnik V», der in einem Schnellverfahren entwickelt und trotz noch ausstehender klinischer Testergebnisse bereits der die Bevölkerung verabreicht wird.

Zu alt für die Impfung sei er, behauptete der russische Präsident vor den Journalisten.

Zu alt für die Impfung sei er, behauptete der russische Präsident vor den Journalisten.

Keystone

Putin selbst aber lässt die Finger davon und hatte dazu eine nur halb überzeugende Erklärung: «Ich bin ein gesetzestreuer Mensch, ich folge den Empfehlungen von Experten.» Die russische Entwicklung «Sputnik V» wird lediglich Russen von 18 bis 60 Jahren verabreicht. Putin ist 68.

Leute wie mich hat die Impfung noch nicht erreicht.

Die anhaltenden Massenproteste gegen den Machthaber Aleksander Lukaschenko im Nachbarland Weissrussland bezeichnete Putin als vom Ausland orchestrierte Aktion. «Aus dem Ausland kommt nie etwas Gutes», sagte der Kreml-Chef. Die weissrussische Opposition werde politisch und finanziell unterstützt. «Es ist notwendig, dem weissrussischen Volk die Möglichkeit zu geben, seine Probleme selbst zu lösen.»