Flüchtlingskrise
Private Helfer kommen an ihre Grenzen – Kritik an EU und Hilfswerke

Die privaten Helfer sind nicht nur von den Staaten, sondern auch von den Hilfswerken enttäuscht. Zu wenige seien aktiv vor Ort, zu bürokratisch sei ihre Organisation. Es besteht die Gefahr, dass Menschen in den nächsten Wochen erfrieren.

Annika Bangerter
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Freiwillige Helfer versorgen Flüchtlinge am österreichisch-deutschen Grenzübergang Freilassing auf der Saalachbrücke.

Freiwillige Helfer versorgen Flüchtlinge am österreichisch-deutschen Grenzübergang Freilassing auf der Saalachbrücke.

KEYSTONE/APA/BARBARA GINDL

Am Donnerstag kamen die Hilferufe aus Slowenien. Über Facebook erreichten sie die privaten Flüchtlingshelfer in ganz Europa. Eine Gruppe aus Burgdorf steuerte deshalb die kleine Alpenrepublik an. Seit Ungarn seine Grenzen abgeriegelt hat, liegt das Nadelöhr der Balkanroute in Slowenien. Beobachter vor Ort schildern chaotische Zustände und sprechen von überforderten Behörden: ein Zustand, der sich in den letzten Wochen in allen Ländern an der Balkanroute zeigte. Nun verschärft sich die Situation zusätzlich durch die sinkenden Temperaturen.

«In den nächsten Tagen werden Menschen auf der Balkanroute erfrieren, wenn die EU nicht handelt», sagt Jannik Böhm von «Open Eyes Balkanroute». Die Gruppe ist eine der rund 40 privaten Initiativen in Europa, die sich primär seit diesem Sommer gebildet haben. Ihre Helfer sammeln Güter und bringen sie mit kleinen Bussen oder Privatfahrzeugen zu den Flüchtlingen auf der Balkanroute. Diese Woche veröffentlichten die privaten Helfer einen Appell an die EU: Die Staaten müssten sofort handeln, wenn sie die humanitäre Katastrophe in den Wintermonaten noch abwenden wollten.

Den Brief unterzeichnet hat auch die Initiative «Tsüri hilft», die Selma Kuyas und Anja Dräger lancierten. Die beiden Frauen waren mit weiteren Helfern bis zum letzten Sonntag an der kroatischen Grenze. Dort durften sie – wie bereits zuvor in Ungarn – keine warmen Mahlzeiten kochen. Die Behörden verboten dies aus hygienischen Gründen. Für Selma Kuyas unverständlich: «Das ist absurd und reine Schikane.» Die Leute seien durchfroren, viele auch krank. Am Dringendsten brauche es Ärzte. «Neun von zehn Kindern sind krank. Viele Menschen sind zudem verletzt. Insbesondere in den völlig überladenen Zügen kommt es immer wieder zu Massenpanik», sagt Anja Dräger. Die Ärzte vor Ort seien völlig überfordert.

Hilfswerke wehren sich

Die privaten Helfer sind nicht nur von den Staaten, sondern auch von den Hilfswerken enttäuscht. Zu wenige seien aktiv vor Ort, zu bürokratisch sei ihre Organisation. Zudem sagen die Freiwilligen von «Tsüri hilft» als auch von «Open Eye Balkanroute», dass bei ihren Einsätzen nur die Freiwilligen nachts präsent gewesen seien.

Dieter Wüthrich von Heks weist die Kritik von sich: «Diese Vorwürfe sind ungerechtfertigt und entsprechen im Falle von Heks in keiner Weise der tatsächlichen Situation. Wir sind mit unseren Partnerhilfswerken vor Ort sehr wohl präsent.» Diese hätten in den letzten vier Wochen um die 42'000 Flüchtlinge betreut und über 28 Tonnen Hilfsgüter verteilt. Auch nachts stünden die Mitarbeiter im Einsatz. «Unsere Teams legen die Betreuung nicht um fünf Uhr abends nieder», sagt Wüthrich. Er ziehe «den Hut vor dem Einsatz der Freiwilligen», sagt er. Gleichzeitig bedaure er, dass sie sich nicht direkt an die Hilfswerke gewandt haben.

Infos über soziale Medien

Auch der Basler Joel Sames leistet im Rahmen des Projekts «Rastplatz» als Privater Hilfe. Aktuell steht er an der serbisch-mazedonischen Grenze im Einsatz. Auch er ist der Meinung, dass die Freiwilligen Aufgaben übernehmen, die andere leisten müssten. So etwa Essen verteilen, die Flüchtlinge informieren, aber auch Abfall einsammeln. Er erklärt den negativen Eindruck der Helfer folgendermassen: «Da wir häufig als Erste vor Ort sind, entsteht wohl der Eindruck, dass die grossen Hilfswerke versagen.» Die privaten Helfer seien deshalb so schnell, weil sie sich gegenseitig über die sozialen Netzwerke informieren und ihre Zelte innert weniger Stunden ab- und wieder aufbauen können. «Dadurch sind wir viel flexibler als grosse Hilfswerke», sagt Sames.

Das bestätigt auch Stefan Gribi von der Caritas. Er versteht ein Stück weit die Unzufriedenheit der Freiwilligen: «Für grosse Organisationen ist es schwierig, tagesaktuell zu reagieren. Die Hotspots verschieben sich schnell, deshalb gibt es immer wieder Orte, wo es zu wenig Hilfe gibt.» Den Vorwurf, abwesend zu sein, lässt auch er nicht gelten: «Wir sind seit Mitte September mit einem umfangreichen Nothilfe-Projekt in Serbien vor Ort und bereiten Winterhilfe für Tausende von Flüchtlingen in Griechenland vor.» An allen Punkten zu wirken sei aber nicht möglich.

Mit mobilen Kliniken unterwegs ist das Hilfswerk «Ärzte ohne Grenzen» (MSF). «Wir versuchen, so gut wie möglich auf die sich rasch ändernden Bedürfnisse zu reagieren», sagt Mediensprecherin Sibylle Berger. Es brauche aber dringend mehr medizinische Hilfe. Deshalb schicke die Organisation «in Kürze» weitere Ärzte und Pflegefachpersonal nach Slowenien.

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