Polit-Salsa
Ein Linkspopulist als Regierungschef? Der neue Banlieue-Star heisst Jean-Luc Mélenchon

Die französischen Vorstädte wachen aus ihrer politischen Lethargie auf. Vor den französischen Parlamentswahlen punktet der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon mit seinem neuen Konzept der «Kreolisierung».

Stefan Brändle, La Courneuve Jetzt kommentieren
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Mélenchon-Kandidaten von La Courneuve: Belaid Ait-Meziani und Azzédine Taïbi

Mélenchon-Kandidaten von La Courneuve: Belaid Ait-Meziani und Azzédine Taïbi

Bild: Brändle

«Bonjour, wie geht es Ihnen?», sagt Azzédine Taïbi (57) und setzt sein gewinnendstes Lächeln auf, als ein Familienvater im Unterhemd und mit zwei Kleinkindern am Hals die Wohnungstür in der Siedlung Valmy öffnet. «Ich kandidiere bei den kommenden Parlamentswahlen, von denen Sie sicher gehört haben.» Der misstrauisch äugende Mann weiss allerdings von nichts.

Aber als der Kandidat anfügt, er kandidiere für Jean-Luc Mélenchon, hellt sich sein Gesicht auf: «Bei den Präsidentschaftswahlen im April habe ich für ihn gestimmt.» Taïbi freut sich seinerseits und steckt dem Mann ein paar Flugblätter hin, auf dem er selbst neben Mélenchon abgebildet ist. «Geben Sie das weiter an Ihre Familie und Freunde», sagt Taïbi. Dann, mit Nachdruck: «Ich zähle auf Sie!»

Hier in La Courneuve sind die Mélenchon-Anhänger unter sich. Von den 45'000 Einwohnern legten im ersten Präsidentschaftswahlgang nur 14,7 Prozent für Präsident Macron ein, 9,4 Prozent für die Rechte Le Pen. 64 Prozent stimmten für Mélenchon, den linkspopulistischen Kandidaten der «La France insoumise» (unbeugsames Frankreich).

Grassierende Armut und Misere

Warum sind hier in der bettelarmen Vorstadt – 44 Prozent leben unter der Armutsgrenze – alle für Mélenchon? «Weil er den Mindestlohn auf 1500 Euro anheben will», sagt der Mann, der seine zwei Kinder nun abgestellt hat, während Taïbi bereits ein Stockwerk tiefer an die Türen klingelt. «Zudem will er das Rentenalter auf 60 Jahre senken, nicht wie Macron, der es erhöhen will.» Dann streicht sich der Mann, der seinen Vornamen nicht nennen will, über den Bart und sagt:

«Und Mélenchon hält uns nicht für Deppen. Er ist der Einzige, der uns versteht, der auf unserer Seite steht.»

Gemeint ist: auf der Seite der Zugewanderten – der Maghrebiner, Afrikaner, Moslems von La Courneuve. Sie, die meist gar nicht abstimmen gingen, sind nun Feuer und Flamme für Mélenchon. Vor allem, seit er ein neues Wort in den Wahlkampf brachte – die «Kreolisierung». Gemeint ist ein Kulturgemisch wie die kreolische Musik (Salsa, Merengue) oder Küche.

Mélenchon benutzte den Begriff der Kreolisierung, der auf den Sklavennachfahren Edouard Glissant zurückgeht, erstmals im September 2021 in einem Streitgespräch mit dem rechten Präsidentschaftskandidaten Eric Zemmour. Als dieser die Assimilierung der Migranten verlangte, entgegnete Mélenchon, ihm sei eine «kreolisierte Gesellschaft» lieber.

Omnipräsent im französischen Parlamentwahlkampf: Banlieue-Star Mélenchon

Omnipräsent im französischen Parlamentwahlkampf: Banlieue-Star Mélenchon

Bild: keystone

Das Wort schlug in der Banlieue ein wie Mélenchon selbst. In La Courneuve gründete Taïbis rechte Hand Belaid Ait-Mezianidie erste Aktionsgruppe «Ma France créole» - «mein kreolisches Frankreich». Mit Betonung auf Aktion: «Wir helfen älteren Arbeitern der ersten Einwanderergeneration, Behördendokumente auszufüllen; und letzthin haben wir Medikamente in die Ukraine geliefert», erzählt der 59-jährige Kabyle.

Dass er aus Algerien stammt, findet er unwichtig: Bei der Kreolisierung gehe es gerade nicht um die Herkunft «Bin ich Moslem?», fragt Ait-Meziani, während er Flugblätter in die Briefkästen steckt. «Nein, ich bin ein Bürger. Sind die Besucher der Synagoge dort drüben Juden? Nein, es sind Bürger.» Alle sehen das nicht so: Mitte Mai sprayten Unbekannte in La Courneuve antisemitische Graffiti an die Wände.

Zu jung, um zu wählen: Quartierfest in La Courneuve.

Zu jung, um zu wählen: Quartierfest in La Courneuve.

Bild: Brändle

Ait-Meziani seufzt nur. Er hat noch andere Sorgen. Sein Baugeschäft kommt beim Bau des nahen Schwimmbeckens der olympischen Sommerspiele von Paris 2024 nicht zum Zug. «Wieder einmal berücksichtigte die Regierung keine Banlieue-Unternehmen», klagt der Kleinunternehmer. Immerhin werden die letzten zwölfstöckigen Wohntürme der berüchtigten Siedlung «Cité des 4000» geschleift. Sie sollen die schöne Kulisse der Pariser Olympiade nicht stören.

Streitereien unter den Linken

Die einhellige Banlieue-Solidarität hinter Mélenchon wirkt zum Teil auch etwas aufgesetzt. Die Linke geht nur dem Schein nach geeint als «Volksunion» in die Parlamentswahl. Dahinter wogen lokale Streitigkeiten. «Sie haben oft den lokalpolitischen oder gar religiösen Klientelismus zum Hintergrund», erklärt die Soziologin Célina Pina.

In La Courneuve setzte die Mélenchon-Partei Taïbi etwa eine Kandidatin namens Soumya Bourouaha vor die Nase. Beide berufen sich nun auf Mélenchon. Das schmälert ihre Siegchancen. Die «Volksunion» wird es wegen solcher Wahlkreisfehden schwer haben, die Mehrheit in der Nationalversammlung zu erringen. Und darum geht es letztlich bei den kommenden Parlamentswahlen. Erstmals seit langem treten die Linke und die Grünen formell wieder als Allianz an, und wenn sie die Parlamentsmehrheit erringen, können sie Präsident Macron in eine «Cohabitation» mit einem linken Premierminister wie Mélenchon zwingen.

Die Umfragen zeichnen derzeit kein klares Gesamtbild der 577 Wahlkreise. Etwas ist aber bereits sicher: Der «rote Banlieue-Gürtel», der sich im 20. Jahrhundert um die Grossstädte von Paris, Lyon oder Marseille gezogen hatte, bevor die Linke fast überall einbrach, nimmt langsam wieder Form an. «Es ist eine neue Form – politisierter, selbstbewusster», glaubt Ait-Meziani. «Eben auch kreolisierter.»

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