PANDEMIE
Schon 10'000 Klassen geschlossen: Omikron sorgt für Chaos an Frankreichs Schulen

Die französische Regierung versucht die Schulen im Land trotz der Omikron-Flut offenzuhalten. Schüler und Eltern zahlen dafür aber einen hohen Preis.

Stefan Brändle, Paris
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Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer.

Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer.

Bild: keystone

Unter Frankreichs Eltern geht die Angst um – allerdings nicht so sehr vor Omikron, sondern vor dem Test-Marathon, zu dem sie im Fall einer Ansteckung gezwungen sind. Die Regierung in Paris unternimmt alles, um den Schulbetrieb offenzuhalten. Damit versucht sie indirekt auch einen Kollaps der Wirtschaft zu verhindern. Ausser einer dreiwöchigen Schliessung zu Beginn der Covidkrise hatte Präsident Emmanuel Macron mit dieser Strategie bisher Erfolg.

Testen, testen, testen

Doch jetzt wirft der Omikron-Tsunami alle Pläne über den Haufen. Die Massenansteckung erfasst zunehmend auch das Jungvolk der Nation. Allein am Donnerstag wurden 47 000 Schüler infiziert, dazu 5600 Lehrer. Fast 10 000 Schulklassen mussten bisher geschlossen werden. Und das, obwohl die Klassen nicht mehr schon bei einem einzigen «positiven» Fall geschlossen werden, sondern erst nach drei Fällen.

Der Preis dafür ist hoch. Laut dem seit Montag gültigen Protokoll müssen sich die Schüler noch am gleichen Tag testen lassen, wenn ein Klassenkamerad angesteckt ist. Und das ist erst der Beginn: Zwei Tage später müssen sie einen ersten Selbsttest anfügen, vier Tage später einen zweiten. Um danach in die Schule zurückkehren zu können, haben sie eine Testbescheinigung vorzuweisen. An den Schuleingängen kommt es zu chaotischen Szenen – die selbst ein hohes Ansteckungspotenzial bergen.

Vor einer Schule in Le Chesnay bei Paris.

Vor einer Schule in Le Chesnay bei Paris.

Bild: keystone

Eltern, Pädagogen und auch die Medien bezeichnen die Lage als «unhaltbar». Denn mittlerweile verfügen nur noch wenige Apotheken noch Selbsttests. Bildungsminister Jean-Michel Blanquer erlaubt zwar das Ausweichen auf PCR- oder antigenische Tests. Doch die Warteschlangen vor den Apotheken sind lang, erfordern oft mehrstündiges Anstehen – und das für viele Schüler täglich.

Emmanuel Macron bei einem Schulbesuch 2021.

Emmanuel Macron bei einem Schulbesuch 2021.

Bild: keystone

Das Bildungsministerium hat das Protokoll am Freitag leicht gelockert: Tritt in einer Schulklasse ein neuer Fall auf, muss nicht mehr sofort ein weiterer Test angefügt werden. Dies hatte zur Folge, dass sich tausende Schüler täglich testen mussten. Eine Mutter namens Magali sagte dem Radiosender Europe 1: «Wir verwenden unsere Energie nur noch darauf, die Testvorschriften einzuhalten.»

Klassenzimmer als Omikron-Herd

Hart betroffen sind auch die Lehrer, von denen laut offiziellen Zahlen acht Prozent covidbedingt ausgefallen sind. Einige lassen sich indessen krankschreiben, weil sie sehen, dass immer mehr Eltern gefälschte Testbescheinigungen beibringen. Das verwandelt die Klassenzimmer in eigentliche Omikron-Herde. Auch Ärzte über Kritik an der Testfrenesie, wie folgender Twitter-Ausschnitt klarmacht: "Je mehr getestet wird, desto mehr wird gefunden - desto mehr steigt die Panik."

Minister Blanquer hat diese Woche 55 Millionen neue Masken bestellt, doch dürften sie erst in zehn Tagen eintreffen. Das Omikron-Chaos an den Schulen durchkreuzt auch Macrons Pläne, sich vor den Präsidentschaftswahlen in drei Monaten als der grosse Beschützer der Nation zu präsentieren. Nachdem er diese Woche schon die Ungeimpften mit einem «emmerder»-Spruch angegriffen hatte, verscherzt er es mehr und mehr auch mit der schweigenden Impfmehrheit. Sie versucht den ständig wechselnden Vorschriften nachzuleben; doch täglich über eine Stunde Schlange zu stehen, um einen Virus zu stoppen, dessen Gefährlichkeit relativiert wird – das ist selbst für wohlmeinende Bürger zuviel.

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