Kolumne
«One week in Caledonia»

Kolumne über vier Edinburgher Taxifahrer – und was der Brexit mit dem Song Contest zu tun hat

Susanne Wille
Susanne Wille
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Was der Brexit mit dem Eurovision Song Contest zu tun hat.

Was der Brexit mit dem Eurovision Song Contest zu tun hat.

Keystone

Wer hätte gedacht, dass der Eurovision Song Contest – kurz: ESC – dereinst als Fussnote in die europäische Geschichte eingehen könnte. Klingt bizarr, die Erklärung dazu später. Zuerst stellt sich noch leise die Frage, ob man an den Universitäten irgendwann nicht nur Vorlesungen zur europäischen Integrationsgeschichte, sondern vielleicht auch zur europäischen Segregationsgeschichte belegen kann. Montanunion-EWG-Vertrag von Maastricht in einem Modul und Brexit, Frexit, Nexit im anderen. Aber ich will hier nichts heraufbeschwören und in den voreiligen EU-Abgesang einiger Politkommentatoren einstimmen. Jedenfalls schaut Europa gespannt auf den 23. Juni. Dann stimmen die Briten über den Verbleib oder den Austritt aus der Europäischen Union ab. Die neuesten Wählerbefragungen zeigen einen dünnen Vorsprung der Brexit-Befürworter, trotz des leidenschaftlichen EU-Werbetrommelfeuers von Obama himself.

Gespräche mit Taxifahrern sind von entwaffnender Ehrlichkeit

Aber wir erinnern uns gut, was ziemlich genau vor einem Jahr geschah: Nach den Unterhauswahlen in Grossbritannien rieben sich alle die Augen. Die Umfragen sagten voraus, dass keine der beiden grossen Parteien eine absolute Mehrheit haben würde. Ein Patt. Aber alles kam anders. Die Konservativen unter David Cameron siegten. Wenn also die Demoskopen so weit daneben liegen, ist es auch legitim, spasseshalber auf völlig unrepräsentative Umfragen zu setzen. Zum Beispiel bei Taxifahrern. Ich liebe es, mit Taxifahrern über Politik zu reden, egal, wo ich auch hinkomme auf der Welt. Taxifahrer sind Zufallsbegegnungen nach einem Flug etwa oder spätnachts. Und gerade, weil sie zufällig und auch flüchtig sind, sind diese Gespräche von entwaffnender Ehrlichkeit. Sehr schön zeigte dies ja der Filmemacher Jim Jarmusch, der 5 Taxifahrer in 5 Städten ins Zentrum stellte und so zu den Helden seiner Geschichten machte.

Wenn bei Jim Jarmusch das entsprechende Drehbuch «one night on earth» hiess, nenn ich meines «one week in Caledonia». Nicht 5, sondern vier Taxifahrer kommen darin vor, dafür sind alle aus einer Stadt: Edinburgh. Jeden Taxifahrer fragte ich nach seiner Meinung zum Brexit. Keiner zuckte mit den Schultern. Alle legten sie los. Einer war überzeugt, dass England besser aufgehoben sei in einem grösseren Verbund. Die Welt sei zu komplex geworden. Die Zeit von nationalen Alleingängen sei vorbei. Die Nachteile zu gross. Das würden auch wir in der Schweiz irgendwann einsehen. Ein anderer betonte, er sei klar für einen Austritt, obwohl er damals gegen den Austritt von Schottland aus dem Vereinten Königreich gestimmt habe. Aber das hier sei anders. Es sei doch nicht mit anzusehen, wie Deutschland die Krise handhabe, und er lasse es nicht zu, dass Migranten ihm seinen Job wegnehmen würden. Der dritte wiederum betonte, dass Grossbritannien genau wegen der Migrantenfrage im EU-Verbund bleiben müsse. Man müsse jetzt zusammenstehen. Und besonders hier in Edinburgh würden die Zugewanderten hart arbeiten. So wie er, wie er leise anfügte. Ein Potpourri von Meinungen. In einem Land – das zeigte sich später besonders im schottischen Nordwesten –, wo hinter vielen Fensterscheiben, an Gartenzäunen, Laternenpfosten das gelbe-schwarze Logo der Schottischen Nationalpartei hängt, die zwar gegen London ist, aber für Brüssel.

«They just don’t like us. Europe does not like us at all.»

Doch zurück zum Eurovision Song Contest, der kommenden Samstag in Stockholm über die Bühne gehen wird. Der vierte Taxifahrer schliesslich sprach sich in Rage mit einer unkonventionellen Begründung: «Schauen Sie sich diese Show doch an. Sie werden hören: ‹United Kingdom: Zero Points›», sagt er. «They just don’t like us. Europe does not like us at all.» Das würden auch seine Freunde beobachten. Ein klares Zeichen sei dies, um der EU definitiv den Rücken zu kehren. Ich versuchte ihn lachend darauf hinzuweisen, dass dies noch nicht ernsthaft ein Argument für den Brexit sein könne, die Briten würden doch erst schlechter abschneiden, seit die anderen Länder auch Englisch singen dürfen. Aber der Taxifahrer hörte meine Worte nicht mehr, er war bereits damit beschäftigt, das Wechselgeld zu zählen. Seine Meinung war gemacht. Bilanz meiner Taxifahrer-Umfrage: 2:2. Ein Patt.

Ich schwieg und dachte nur, welche Ironie. Der Wettbewerbssong der Briten am Eurovision Song Contest in diesem Jahr trägt den Titel: «You are not alone». Ausgerechnet.

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