Österreich
Leibwächter des Kanzlers sollen sturzbetrunken Autounfälle verursacht haben – und das ist noch nicht alles

In einem anonymen Schreiben werden dem Bundeskanzler Karl Nehammer und seiner Familie noch weitere Grenzüberschreitungen angelastet. Jetzt geht Österreichs Regierungschef zum Gegenangriff über.

Stefan Schocher, Wien
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Österreichs Kanzler Karl Nehammer bei einer Pressekonferenz in Berlin – zu Hause in Wien wartet Ärger auf den Regierungschef. Es geht um seine Bodyguards.

Österreichs Kanzler Karl Nehammer bei einer Pressekonferenz in Berlin – zu Hause in Wien wartet Ärger auf den Regierungschef. Es geht um seine Bodyguards.

Steffi Loos / Pool / EPA

Österreichs Kanzler Karl Nehammer schätzt es nicht, wenn seine Familie in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Da wird Nehammer dünnhäutig. Jetzt schäumt er regelrecht vor Wut. Eine Rote Linie in er politischen Auseinandersetzung sei überschritten worden. Die Gründe: ein angeblicher Umtrunk, ein anonym verfasstes Schreiben sowie eine parlamentarische Anfrage der oppositionellen SPÖ.

Dabei dreht sich alles um einen Vorfall vor drei Wochen. Personenschützer des Kanzlers sollen nach Dienstschluss sturzbetrunken vom Wohnort der Familie weggefahren sein und mit einem Dienstauto mehrere geparkte Fahrzeuge touchiert haben. Geschildert wird der Vorfall in einem anonymen Schreiben, auf das sich eine parlamentarische Anfrage der SPÖ bezieht. Ein Beamter der Polizei-Spezialeinheit Cobra soll den Brief verfasst haben. Die Einheit stellt den Personenschutz für österreichische Politiker.

Vorwürfe gegen Nehammers Familie

Die Folge dieses Schreiben ist jetzt eine Strafanzeige wegen «der vorliegenden falschen Behauptungen und der dadurch entstehenden Sicherheitsgefährdungen». So der Wortlaut einer Aussendung des Innenministeriums. Nehammer spricht von einem «Tiefpunkt» in der parlamentarischen Auseinandersetzung. Er habe es nicht für möglich gehalten, dass solches in dieser Form geschehen könne. Diese parlamentarische Auseinandersetzung werde auf Kosten der Sicherheit seiner Familie geführt.

Denn: In dem Brief werden Details über die Sicherheitsvorkehrungen um die Familie Nehammer genannt. Es werden vor allem aber auch umfassend Vorwürfe gegen die Familie erhoben. Die Rede ist von alltäglichen Grenzüberschreitungen durch den Kanzler und dessen Frau Katharina, die ebenfalls aktiv in der regierenden ÖVP tätig ist. Demnach sollen Leibwächter praktisch als Kindermädchen benutzt worden sein. Wörtlich heisst es: «Kindersitter». Sie seien etwa damit beauftragt worden, die Kinder des Kanzlers zu Freizeitaktivitäten zu fahren oder auch Corona-Gurgeltests der Familie Nehammer bei Sammelstellen abzugeben. In dem Schreiben ist von «Missbrauch» der Spezialeinheit die Rede, die von «sogenannten VIPs schamlos ausgenützt» werde.

Seit Anschlag vor zwei Jahren unter Polizeischutz

Nehammers Konter: Natürlich würden die Personenschützer etwa seine Kinder zu privaten Terminen begleiten – das sei der Sinn davon. Die Familie des Kanzlers steht seit dem Anschlag in Wien im November 2020 unter Polizeischutz, nachdem die Ehefrau und die beiden Kinder Nehammers (damals Innenminister) anonyme Drohungen erhalten hatten. Nehammer weiter: Wenn private Coronatests der Familie den Beamten mitgegeben worden seien, wenn diese ohnehin täglich getestet werden würden, sei das keine Übertretung.

Beschrieben wird in dem Brief vor allem aber auch die angebliche Vorgeschichte der volltrunkenen Autofahrt. Demnach hätten die Leibwächter ein «Naheverhältnis» zur Familie Nehammer gehabt. Zu besagtem Abend, an dem Karl Nehammer nicht zu Hause gewesen sei, heisst es: Die Personenschützer seien von Katharina Nehammer in die Wohnung eingeladen worden. Und danach:

«Die beiden Cobra-Beamten verliessen in Begleitung von Frau Katharina Nehammer offensichtlich sturzbetrunken das Wohngebäude und stiegen schwankend in den Dienstwagen ein. Beim Wegfahren touchierten sie mehrere dort abgestellte Fahrzeuge und verursachten einen enormen Sachschaden.»

Die Opposition ortet zudem Versuche, den Vorfall zu vertuschen. Nehammer dazu: «Mir zu unterstellen, dass ich interveniert hätte, ist niederträchtig.» Die Vorwürfe gegen die Personenschützer selbst müssten im Disziplinarverfahren geklärt werden.

Cobra-Chef Bernhard Treibenreif sagte schliesslich in einem TV-Interview: Man werde die Behauptungen ganz genau prüfen, aber er könne schon sagen, dass der Wahrheitsgehalt «sehr, sehr gering ist». Man werde «das alles zur Anzeige bringen».

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