Neue Flüchtlingskrise
Der Ansturm auf die Hölle von Darién ist so gross wie nie: 65'000 Verzweifelte wollen durch den Dschungel Richtung Norden

Kaimane, Hunger und Kriminelle erwarten die Migranten auf der tödlichen Route. In den USA steigt die Sorge vor einer neuen Völkerwanderung. Doch Joe Bidens Warnungen werden nicht gehört.

Sandra Weiss, Tegucigalpa, und Klaus Ehringfeld, Cali
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Viele Verzweifelte kommen mit nichts als ihren Kindern auf dem Arm und ein paar Kleidern im Rucksack im Dschungel von Darién an.

Viele Verzweifelte kommen mit nichts als ihren Kindern auf dem Arm und ein paar Kleidern im Rucksack im Dschungel von Darién an.

AP

Auf dem ersten Handy-Video lacht Miralbert Mariña noch fröhlich in die Kamera. Man sieht den 32-jährigen Venezolaner auf einem vollbesetzten Schnellboot, dahinter schemenhaft der Dschungel. «Da dachte ich noch, mir stehe einfach eine zweitägige Wanderung bevor», sagt er mit einem bitteren Lächeln. Doch was dann kam, war selbst für den trainierten Ex-Soldaten die Hölle. Mariña spricht vom Darién, der Landenge zwischen Kolumbien und Panama.

Der Darién ist ein schier undurchdringlicher, sumpfiger Mangrovendschungel, bewohnt nur von verstreut lebenden Indigenen. Er ist der Flaschenhals, durch den alle Migranten müssen, die von Südamerika kommend in die USA wollen. Seit dem Abflauen der Pandemie ist ihre Zahl wieder sprunghaft angestiegen.

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Rund 20'000 Menschen aus aller Herren Länder – vor allem aus den Krisenländern Haiti, Venezuela und Kuba – bereiten sich derzeit im kolumbianischen Küstenort Necoclí auf die nicht selten tödliche Reise vor. Auch Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, aus Kamerun und sogar aus Bangladesch drängen sich hier unter den Plastikblachen.

Sie fliegen aus ihrer Heimat nach Ecuador oder Brasilien, wo die Visa-Bestimmungen nicht so streng sind, und reisen von da Richtung Norden, Richtung der Hölle von Darién.

Die Frauen werden bei jedem Überfall vergewaltigt

Dann geht es zu Fuss weiter. Bei brütender Hitze und tropischem Dauerregen. Durch Sümpfe, verfolgt von Moskitos, Schlangen und Kaimanen. Mit dem Tod als dauerndem Begleiter.

«Es gibt Dinge, die sich in dein Hirn fressen», erzählt Mariña leise. «Die Wasserleichen, der penetrante, faulige Geruch. Die herumliegenden Kleider und Pässe. Ab und zu findet man ein Skelett.»

Manche sagen, der "Darién Gap" sei der gefährlichste Ort der Welt.

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Meist beginnen die Migranten in Gruppen von 25 bis 30. «Am Ende kommt vielleicht die Hälfte auf der panamaischen Seite an», erzählt Mariña. Dort knöpfen ihnen die Grenzbeamten ihr Geld ab für Registrierung, Unterbringung im Lager oder den Transport an die costaricanische Grenze.

Wer es bis hierher schafft, den kann nichts mehr erschrecken auf dem 4500 Kilometer langen Trip durch vier zentralamerikanische Länder und Mexiko bis an die Grenze zu den USA. Dan Restrepo, früher Nationaler Sicherheitsberater für Lateinamerika unter US-Präsident Barack Obama, sagt:

«Wenn eines der undurchdringlichsten Dschungelgebiete der Welt die Menschen nicht mehr aufhält, ist klar, dass politische Grenzen sie auch nicht stoppen werden.»
Haitianische Flüchtlinge machen sich auf den Weg durch den Darién. Manche werden es nicht schaffen.

Haitianische Flüchtlinge machen sich auf den Weg durch den Darién. Manche werden es nicht schaffen.

Mariñas Wanderschaft durch die Hölle dauerte zehn Tage. Er verirrte sich und musste fauliges Wasser trinken. Dreimal wurde er überfallen. Die Frauen in seiner Gruppe wurden jedes Mal vergewaltigt – egal, ob sie schwanger waren oder minderjährig. «Ich habe gesehen, wie Kinder in den Armen ihrer Mütter starben», erzählt er.

Bidens Botschaft ist nicht im Dschungel angekommen

50 Leichen haben die panamaischen Behörden in diesem Jahr schon im Dschungel geborgen. Die wenigsten tragen Papiere bei sich. In diesem Jahr haben bereits mehr als 65'000 Menschen den Darién durchquert, im Vorjahr waren es nur knapp 6500. Der kolumbianische Ombudsmann Carlos Camargo schlug vor, zumindest für Frauen und Kinder eine Luftbrücke einzurichten, um die Katastrophe einzudämmen.

Sie haben die gefährliche Reise nicht überlebt: Panamesische Behörden verscharren 15 nicht-identifizierbare Leichen in einem Massengrab.

Sie haben die gefährliche Reise nicht überlebt: Panamesische Behörden verscharren 15 nicht-identifizierbare Leichen in einem Massengrab.

AP

«Das ist der Beginn von etwas», fürchtet sich Panamas Aussenministerin Erika Mouynes. Und Obamas Ex-Berater Dan Restrepo sagt: «Es ist sehr gut möglich, dass wir vor einer historischen Wanderung auf dem amerikanischen Kontinent stehen, eine Wanderung mit nur einem Ziel: irgendwie in die USA zu gelangen.»

Die Regierung von Joe Biden hat an der amerikanischen Südgrenze erst kürzlich ein Lager von mehreren tausend erschöpften Flüchtlingen räumen lassen und sie in ihre Heimatländer zurückgeschickt. «Kein Durchkommen», lautet die Devise aus Washington. In der Hölle von Darién ist die Nachricht nicht angekommen.

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