Nahostkonflikt
Fliegen jetzt die Raketen der Hisbollah? Neue Gruppierungen bringen sich in Stellung gegen Israel

Seit einer Woche bekämpfen sich Israel und die Hamas. Beobachter glauben an ein baldiges Ende der direkten Konfrontation. Doch in Israels Nachbarstaaten wachsen die Aggressionen.

Thomas Seibert, Michael Wrase und Samuel Schumacher
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Das Leid der Menschen in Gaza ist unerträglich: 181 kamen bei den israelischen Luftangriffen vergangene Woche ums Leben, darunter 52 Kinder.

Das Leid der Menschen in Gaza ist unerträglich: 181 kamen bei den israelischen Luftangriffen vergangene Woche ums Leben, darunter 52 Kinder.

EPA

Noch nie in seiner Geschichte wurde Israel so heftig attackiert wie in der vergangenen Woche. Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas hat seit dem vergangenen Montag mehr als 3000 Raketen auf den jüdischen Staat abgefeuert, wie die israelischen Streitkräfte mitteilen. 10 Israelis kamen ums Leben, bei den Vergeltungsschlägen gegen Ziele in Gaza starben 181 Palästinenser, darunter 52 Kinder. Auch das Wochenende brachte keine Entspannung. Zahlreiche Airlines, darunter die Swiss, haben ihre Flüge nach Israel vorübergehend eingestellt.

Trotzdem glauben Beobachter des Nahostkonflikts an ein baldiges Ende des Kampfes. Karim El-Gawhary, einer der prominentesten deutschsprachigen Nahostexperten, schreibt auf Twitter, beide Konfliktparteien hätten die Endphase eingeläutet. Israels Militärführung betone, man habe das Ziel des Militäreinsatzes gegen Gaza – die Zerstörung der Raketenproduktionsstätten der Hamas – erreicht. Die Hamas hingegen verkünde, man habe den Feind eine ganze Woche lang in Schach gehalten. Beide Seiten könnten sich als Sieger präsentieren. Der Urkonflikt schwele aber weiter. «Eine Lösung wird es nur geben, wenn die Sicherheit Israels mit den Rechten der Palästinenser verknüpft wird», schreibt El-Gawhary.

20000 Hisbollah-Kämpfer stehen bereit

Neu entfacht werden könnte der Konflikt allerdings durch bislang nicht direkt beteiligte Gruppierungen. An der Grenze zum benachbarten Libanon wehrten israelische Truppen am Wochenende mit Gummigeschossen und Tränengas mehrere hundert Demonstranten ab, die über die Grenzmauer klettern wollten. Die im Libanon ansässige und vom Iran unterstützte Miliz Hisbollah steht mit mehr als 20000 Kämpfern bereit. Die Hisbollah verfügt zudem über mehrere zehntausend Raketen. Auch der Iran hat viele Raketen, mit denen er Israel treffen könnte. Politiker und Generäle der Islamischen Republik beschwören immer wieder ihr Ziel, den jüdischen Staat von der Landkarte zu tilgen.

Doch die «Achse des Widerstandes» – so nennt der Iran das Bündnis mit Syrien, der Hamas und der Hisbollah gegen Israel – weiss, wie riskant ein Angriff auf Israel wäre. Der jüdische Staat hat die modernsten Streitkräfte des ganzen Nahen Ostens. Zudem verhandelt der Iran derzeit mit den USA über eine Lockerung der Sanktionen. Ein Krieg gegen Israel würden diese politischen Fortschritte zunichte machen. Ein solcher Konflikt könnte für das Regime in Teheran leicht zum Selbstmordkommando werden.

Mehr als 30 weitere Tote, unter anderem 8 Kinder.

CH Media Video Unit

Direkter Angriff auf ausländische Journalisten

Ähnliches gilt für die Hisbollah im Libanon. Mit einem Krieg gegen Israel würde die Schiiten-Miliz grosse Zerstörungen im Libanon provozieren. Mitten in der schweren Wirtschaftskrise und einer Welle sozialer Unruhen würde sich die Hisbollah damit die Schuld an einer zusätzlichen Katastrophe für den Libanon aufladen, analysierte die libanesische Zeitung «L’Orient-Le Jour». Selbst für die Israel-Hasser in der «Achse des Widerstandes» wäre ein neuer Krieg ein unkalkulierbares Risiko.

Anders sieht die Situation in Jordanien aus. Mehr als 70 Prozent der zehn Millionen Einwohner haben palästinensische Wurzeln. Entsprechend gross ist die Sehnsucht, den Palästinensern zur Seite zu stehen. In den sozialen Medien machte am Wochenende der Aufruf zu einem «Millionenmarsch nach Palästina» die Runde. Die jordanische Armee konnte die rund 3000 Demonstranten erste wenige Hundert Meter vor dem Grenzübergang nach Israel stoppen.

Libanesische Demonstranten bekunden an der Grenze zu Israel ihre Sympathien zu den Palästinensern in Gaza.

Libanesische Demonstranten bekunden an der Grenze zu Israel ihre Sympathien zu den Palästinensern in Gaza.

EPA

Ein besonders tragischer Vorfall an diesem Wochenende erschwert es in Zukunft, neutrale Informationen über das Geschehen im abgeschotteten Gazastreifen zu erhalten. Das Gebäude, in dem unter anderem die Redaktion der Nachrichtenagentur AP untergebracht war, wurde bei einem israelischen Luftangriff zerstört. Angeblich, weil sich Hamas-Einheiten darin befunden hätten, was die AP-Leitung bestreitet.

AP-Chef Gary Pruitt sagte:

AP-Chef Gary Pruitt.

AP-Chef Gary Pruitt.

AP
«Die Welt wird weniger wissen über die Zustände in Gaza wegen dem, was heute passiert ist.»