Naher Osten
Wie Israels Roger Schawinski Premierminister Benjamin Netanjahu hinter Gitter bringen könnte

Der Ex-Moderator und Strahlemann hat 28 Tage Zeit, um eine Regierungskoalition zu bilden. Sein Rezept: Charisma und leere Worthülsen. Das könnte reichen.

Judith Poppe aus Tel Aviv
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Ex-Moderator und Amateurboxer: Yair Lapid könnte Israels politische Zukunft prägen.

Ex-Moderator und Amateurboxer: Yair Lapid könnte Israels politische Zukunft prägen.

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Vom Prime-Time Moderator zum Politiker – und nun vielleicht zum Ministerpräsidenten: Am Mittwochabend hat Staatspräsident Reuven Rivlin den liberalen Politiker Yair Lapid mit der Regierungsbildung beauftragt. Mit den Wendungen in seiner Karriere tritt der Bohemien in die Fussstapfen seiner bekannten Eltern.

Sein Vater, Yosef «Tommy» Lapid fing einst ebenfalls als Journalist an, wurde dann Justizminister und Vize-Ministerpräsident. Seine Mutter Shulamit Lapid ist mit ihren Krimis („Die Geliebte auf dem Berg“) auch in deutschsprachigen Ländern bekannt.

Als Journalist, Romanautor und Schauspieler, vor allem aber als Moderator hat er es in Israel zu grosser Bekanntheit gebracht, bevor er 2012 seinen Eintritt in die Politik bekannt gab. Die Kamera liebt den braungebrannten 57-Jährigen mit seinem gewinnenden Lächeln und seinem sportlichen Auftritt. In seiner Zeit als Journalist war er auch als Amateurboxer aktiv. Bei Wahlen, so witzelt man in Israel, gewinnt er überdurchschnittlich viele Stimmen von Frauen.

Die entscheidende Frage

Viele glaubten, seine neue Mitte-Partei Yesh Atid würde schnell wieder von der Bildfläche verschwinden, doch Lapid mit seiner Hartnäckigkeit machte sie stattdessen zu einer ernstzunehmenden Alternative zu anderen etablierten Parteien. Mit dem Auftrag, eine Regierungskoalition zu bilden, erhält er jetzt gar die Chance, die politische Karriere des rechten Rekord-Premierminister Benjamin Netanjahu zu beenden.

Einst waren sie Verbündete, doch jetzt könnte Yair Lapid (links) die Karriere von Ministerpräsident Benjamin Netamjahu (rechts) beenden.

Einst waren sie Verbündete, doch jetzt könnte Yair Lapid (links) die Karriere von Ministerpräsident Benjamin Netamjahu (rechts) beenden.

AP

Einst war Lapid unter Netanjahu Finanzminister. Doch die Beziehung endete mit bösem Blut. Seit Jahren ist es sein erklärtes Ziel, Netanjahu abzusetzen. Und er bleibt standhaft. Anders als sein damaliger Blau-Weiss Partner Benny Gantz, der entgegen des Wahlversprechens in einem überraschenden Manöver im März 2020 einer Regierungskoalition von Netanjahu beitrat. Sein Image eines aufrechten Politikers konnte er damit noch vergrößern.

Eine Frage hat er im Lauf seiner Karriere als Journalist stets ins Zentrum gestellt. Acht Jahre lang fragte er in der «Yair Lapid Talkshow» – eine Art israelisches «israelisches Schawinski» – seine Gäste zum Schluss stets: «Was ist in deinen Augen israelisch?» Die Suche nach dem, was die Israelis gemeinsam haben, prägt auch seine Politik.

Von Anfang an hat er sein politisches Image als Mann der Mitte gepflegt. In seinen Äusserungen betont er immer wieder, dass er ein Ministerpräsident für alle Israelis sein will und eine israelische Einheitsregierung bilden möchte: «Keine rechte, keine linke Regierung.»

Das berühmte Ikea-Quiz

Wenn etwas über das Programm von Lapid klar ist, dann ist es sein Bemühen, ein säkulares Israel gegenüber der Ultraorthodoxie zu stärken. Ansonsten bleiben seine Vorstellungen, etwa zum Friedensprozess oder zur Finanzpolitik, schwammig. Kritiker werfen ihm deshalb vor, ein Posterboy zu sein und leere Worthülsen zu verwenden.

Der Kampf um die politische Zukunft Israels geht in eine neue Runde.

Der Kampf um die politische Zukunft Israels geht in eine neue Runde.

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2016 ging angesichts eines Schwedenbesuchs von Lapid ein satirisches Quiz viral, das Aussagen eines Ikea-Werbekatalogs Bemerkungen von Lapid gegenüberstellte und raten liess, von wem die jeweiligen Aussprüche stammten.

Doch vielleicht braucht es gerade diese inhaltliche Unschärfe, um in Israel eine Brücke von Rechts nach Links schlagen zu können. Alle anderen Versuche, dem Land eine stabile Regierung zu verpassen, sind in den vergangenen Jahren gescheitert.