Nach dem Militärputsch
«Sie ist unsere einzige Hoffnung»: Warum viele Menschen in Myanmar jetzt mehr denn je hinter Aung San Suu Kyi stehen

Während in Europa das Ansehen der burmesischen De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi bröckelt, wird sie von vielen Burmesen fast wie eine Heilige verehrt. Seit dem Militärputsch vom 1. Februar setzen viele alle Hoffnungen auf sie.

Mirjam Bächtold
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Demonstranten in Yangon auf einem Auto mit Bild ihrer Heldin Aung San Suu Kyi: Sie protestieren für ihre Freilassung - und gegen den Militärputsch.

Demonstranten in Yangon auf einem Auto mit Bild ihrer Heldin Aung San Suu Kyi: Sie protestieren für ihre Freilassung - und gegen den Militärputsch.

Str / AP

Aung San Suu Kyi trägt ein rotes Kleid, in einer Hand die rote Fahne der National League for Democracy (NLD) mit dem kämpfenden Pfau, in der anderen Hand eine Waage als Symbol für Gerechtigkeit. Um sie herum fliegen weisse Friedenstauben, zwei von ihnen halten eine weisse Scherpe in den Schnäbeln. Solche Bilder der weggeputschten Regierungschefin Myanmars kursieren derzeit in den sozialen Medien.

«Freiheit für Aung San Suu Kyi», fordern die Menschen in Myanmar derzeit täglich in Strassenprotesten. Fast jeder hält dabei ein Blatt Papier in der Hand mit dem Konterfei der ehemaligen Friedensnobelpreisträgerin. «Amay Su», nennen sie die Burmesen. «Mutter Su».

Eine junge Frau, die in Taunggyi im Shan-Staat lebt, sagt:

«Sie ist eine grossartige, ehrliche, fast heilige Person. Sie hat ihr ganzes Leben geopfert für Myanmars Menschen, hat ihren Mann und die zwei Söhne in England gelassen, um hier für Freiheit zu kämpfen»

Sie spricht damit Suu Kyis Rückkehr von England nach Burma an. 1988 beteiligte sie sich an den Studentenprotesten und stieg als Tochter General Aung Sans, der Burma in die Unabhängigkeit führte, zu einer Galionsfigur des gewaltfreien Widerstands auf. Viele Burmesen glauben immer noch daran, dass die 75-Jährige das Erbe ihres Vaters zu Ende bringen wird.

In ganz Asien, wie hier in Thailand, gehen Menschen für Aung San Suu Kyi auf die Strasse.

In ganz Asien, wie hier in Thailand, gehen Menschen für Aung San Suu Kyi auf die Strasse.

Narong Sangnak / EPA

Das «R-Wort ist» tabu

In den westlichen Ländern ist Aung San Suu Kyi in den letzten Monaten zunehmend in die Kritik geraten. Vor allem, weil sie nichts gegen das Militär unternommen hatte, als die Soldaten Hunderttausende Rohingya aus ihren Dörfern vertrieben und viele ermordeten.

Im Dezember 2019 leugnete Suu Kyi vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag den Völkermord an den Rohingya. Erst kurz vor dem Urteil im Januar 2020 räumte sie ein, das Militär habe möglicherweise Kriegsverbrechen begangen.

«Jeder macht einmal Fehler, selbst die Königin von England oder du und ich», sagt die junge Burmesin, die in England Betriebswirtschaft studiert hat. Viele Burmesen blocken sofort ab, wenn man die Rohingyakrise anspricht. Selbst das «R-Wort», wie sie es nennen, ist tabu.

«Ich hätte mir gewünscht, dass Aung San Suu Kyi die Taten verurteilt», sagt ein junger Burmese, der in Yangon lebt und seinen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennen möchte. Der Grund, weshalb viele Burmesen einen Hass auf die Rohingya haben, liege in den Gerüchten, die das Militär auf Facebook verbreitet habe. «Die Rohingya wurden als illegale Einwanderer dargestellt, die den Burmesen die Arbeit wegnehmen.»

Viele Burmesen hätten deshalb das Militär unterstützt, als dieses die Rohingya vertrieb. «Suu Kyi stellte sich in dieser Sache auf die Seite des Militärs, um das Ansehen in der Bevölkerung nicht zu verlieren», sagt der 29-Jährige.

Marionette des Militärs?

In westlichen Ländern wird Suu Kyi auch als Marionette des Militärs bezeichnet. Die Verfassung von 2008, die den Generälen hohe Ministerposten garantierte und 25 Prozent aller Parlamentssitze dem Militär vorbehielt, musste sie zähneknirschend unterschreiben. Ein grosser Anteil der Steuergelder fliesst in das Verteidigungsbudget und viele erfolgreiche Firmen sind in der Hand des Militärs.

Viel Macht hatte Suu Kyi nie, aber sie hatte Einfluss und den hat sie noch. Der Burmese in Yangon sagt:

«Das Militär arbeitet mit Druck und Angst. Vor Aung San Suu Kyi haben wir Respekt, selbst jetzt, wenn sie keine Macht hat.»

Doch reicht Respekt aus, um eine Demokratie aufzubauen? «Ich gehe nicht davon aus, dass wir so schnell Verhältnisse erreichen wie in den USA oder in der Schweiz», sagt der Chemieingenieur, der in Australien studiert hat.

«Wenn wir wählen können und Religions- und Meinungsfreiheit haben wie vor dem Putsch, wenn jeder in die Politik gehen kann, dann ist das für mich schon eine Demokratie.» Er ist davon überzeugt, das Suu Kyi mit ihrem hohen Ansehen, das sie geniesst, die Menschen in Myanmar vereinen kann. «Es ist mir bewusst, dass es gefährlich ist, das ganze Vertrauen in eine einzige Person zu setzen. Aber momentan ist sie unsere einzige Hoffnung», sagt er.

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