Nach Abzug der Bundeswehr
Viele der Taliban-Kämpfer schwören Rache an den einheimischen «Verrätern»: Jetzt bangen lokale Helfer um ihr Leben

20 Jahre arbeitete die Bundeswehr mit lokalen Helfern in Afghanistan zusammen. Nach dem Truppenabzug bangen lokale Köche, Übersetzer oder Elektriker um ihr Leben.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Ein Soldat der afghanischen Streitkräfte sichert einen Check-Point gegen die Taliban.

Ein Soldat der afghanischen Streitkräfte sichert einen Check-Point gegen die Taliban.

Bild: Ghulamullah Habibi / EPA 8. Juli 2021

«Wenn die Taliban mich kriegen, bringen die mich sofort um», zitiert der «Spiegel» einen ehemaligen afghanischen Video-Reporter, der den Feldzug der internationalen Truppen gegen die Taliban begleitet und in seinen Berichten die lokale Bevölkerung vor den radikalen Islamisten gewarnt hatte. Seine Filmaufnahmen waren willkommenes Material auch für die im Norden stationierten Bundeswehr-Einheiten.

Ende Juni hat die Bundeswehr ihren 20 Jahre dauernden Einsatz im Norden Afghanistans beendet. Die Soldaten, Tonnen an Material - darunter ein Gedenkstein - Ausrüstung, sogar Tausende Liter Bier wurden zurück nach Deutschland geflogen.

Doch Hunderte von lokalen Helfern im Land, die über Jahre für die deutschen Truppen als Dolmetscher, in der Wäscherei, als Köche, Video-Reporter oder Elektriker tätig waren, bleiben in dem Bürgerkriegsland zurück, in dem die Taliban seit dem Abzug der internationalen Truppen Gebiete zurückerobern. Viele der Taliban-Kämpfer schwören Rache an den einheimischen «Verrätern», die die letzten Jahre an der Seite der Bundeswehr und der internationalen Truppen gedient haben.

Nicht alle lokalen Kräfte hat die Bundeswehr einfach so zurück gelassen. Kurz vor dem Truppenabzug wurden Visaanträge von 471 lokalen Helfern ausgestellt, sie dürfen zumindest vorübergehend nach Deutschland kommen, zusammen mit etwa 1900 Angehörigen, wie der «Spiegel» berichtet. Doch unklar ist das Schicksal vieler hundert Ortskräfte und ihren Familien, die nicht direkt bei der Bundeswehr angestellt waren, sondern für Subunternehmen Aufträge für die deutschen Truppen in Masar-i-Scharif im Norden des Landes ausübten.

«Ihr Deutschen fliegt einen 27 Tonnen schweren Gedenkstein aus und 22.000 Liter Bier. Aber die, die mit euch im Feld standen, lasst ihr hier zurück»

klagt eine Ortskraft im «Spiegel». Viele der lokalen Helfer sind auf sich alleine gestellt. Der Weg in die Hauptstadt Kabul, wo sich etwa Büros der UNO oder die deutsche Botschaft befinden, ist wegen des Vormarsches der Taliban lebensgefährlich.

Dass sich Hunderte lokale Helfer nicht für das deutsche Schutzprogramm bewerben können, da sie nicht direkt bei der Truppe unter Vertrag standen, sorgt in Deutschland für heftige Debatten. Der Bundestagsabgeordnete Wieland Schinnenburg (FDP) spricht von einem «Skandal».

Die Ankündigungen der Bundeswehr, den Ortskräften zu helfen, entpuppe sich als leeres Versprechen. Das hätten die Afghanen, die ihr Leben riskierten, «nicht verdient». Für die Ortskräfte brauche es raschere und unbürokratischere Unterstützung.

Kaum Anlaufstellen in Afghanistan

Zwar hat Deutschland den Schutz für afghanische Helfer im Juni ausgeweitet. In Sonderfällen sollen auch Afghanen, die nicht direkt für das Verteidigungsministerium gearbeitet haben, in Deutschland vorübergehenden Schutz für sich und ihre Familien bekommen.

Doch dafür müsse die individuelle Gefährdung der Antragssteller geprüft und nachgewiesen werden, heisst es. Viele der lokalen Helfer dürften hier durch das Raster fallen - auch weil ein solcher Nachweis in einem Bürgerkriegsland und wegen fehlender Anlaufstellen in Afghanistan kaum erbracht werden kann.

30. Juni, ein Militärflugplatz in Niedersachsen: Ein Airbus A400M bringt deutsche Soldaten aus Afghanistan zurück in die Heimat.

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Bild: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Das Auswärtige Amt in Berlin weist derweil die Kritik zurück, das deutsche Verfahren bei der Unterstützung lokaler Helfer in Afghanistan sei zu langsam und Deutschland lasse die Ortskräfte im Stich. «Es ist natürlich schon so, dass sich das Verfahren durch den Abzug der Bundeswehr und die Schliessung unseres Generalkonsulats in Masar-i-Scharif erschwert hat», räumte ein Sprecher in Berlin ein. Er wolle nicht «um den heissen Brei» herumreden: «Es ist eine schwierige Lage vor Ort».

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