Vergnüglicher Nebeneffekt
Mehr Sex dank Corona: Die Franzosen wissen den Lockdown zu nutzen

Die Regierung hat den Kuscheleffekt mit ihrer Krisenpolitik unbewusst gefördert. Doch nicht alles ist rosig.

Stefan Brändle aus Paris
Drucken
Teilen
Das «Schäferstündchen» wird in unserem Nachbarland mitten in der Krise immer beliebter.

Das «Schäferstündchen» wird in unserem Nachbarland mitten in der Krise immer beliebter.

Getty Images (Paris, 17. Mai 2020

Gute Nachrichten aus dem Land der freien Liebe: In Frankreich steigt die Libido wieder. 70 Prozent der Französinnen und Franzosen geben in einer Umfrage an, im November eine sexuelle Beziehung gepflegt zu haben – 14 Prozent mehr als im ersten Lockdown im April. Der Normalpegel von 74 Prozent ist damit fast wieder erreicht.

Ähnlich ist der Trend bei Paaren, die sich unter der Bettdecke zwei- oder dreimal wöchentlich (sehr) nahe kommen: In der ersten Coronawelle war ihr Anteil an der Bevölkerung von 18 Prozent auf 11 Prozent gesunken, doch nun erreicht er wieder 14 Prozent. Die Zahlen in der Schweiz dürften ähnlich hoch liegen. Laut einer etwas älteren Umfrage hatten Schweizer im Schnitt 2,4-mal Sex pro Woche – sogar leicht mehr als die Franzosen mit 2,3.

«cinq à sept» mal ganz neu

Erstellt wurde die französische Umfrage vom Meinungsinstitut Ifop im Auftrag des französischen Seitensprung-Portals Gleeden. Die stärkste Zunahme sexueller Aktivität verzeichnen jüngere Leute mit gelegentlichen Partnern: 26 Prozent taten es im November häufiger als vor einem halben Jahr, Paare mit getrennten Wohnsitzen sogar 35 Prozent häufiger. Der zuständige Ifop-Sondierer François Kraus führt dies darauf zurück, dass der zweite Lockdown in diesem Herbst die Fortbewegung der Bevölkerung weniger stark eingeschränkt habe.

Gewollt oder nicht: Die französische Regierung trägt dazu bei, den Citoyens zu ihrer neuen Freiheit tagsüber zu verhelfen. Premierminister Jean Castex empfiehlt ausdrücklich das Homeoffice. Zudem müssen die Kinder im Unterschied zum ersten Lockdown tagsüber zur Schule. Gelegenheit für zusammenlebende Partner, der alten Tradition des Schäferstündchens zu frönen. Das Ifop-­Institut spricht von einer «neuen Form des Fünf-bis-Sieben». Der Ausdruck «cinq à sept» leitet sich aus einer französischen Sitte her – derjenigen des gemeinsamen galanten Hotelbesuchs nach vollbrachter Büroarbeit.

Chefinnen haben mehr Sex als normale Angestellte

Was weiter auffällt: Chefs und Vertreterinnen der Teppichetage nutzen die neugewonnene Freiheit zum Schäferstündchen offenbar häufiger (38 Prozent) als gewöhnliche Mitarbeiter (30 Prozent). Daraus folgt: Angestellte brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie sich nach dem «Home-Hopping» frisch gekämmt wieder in die Videokonferenz am Laptop einklinken.

Bei allem Amüsement darf man nicht vergessen, dass die Coronakrise insgesamt sehr ungesund ist für die menschliche Psyche, was oft auf Partnerschaften durchschlägt. Laut der Ifop-Studie ist zwar ein gewisser Gewöhnungseffekt feststellbar: Von Ehestreit berichten nur noch 48 Prozent Frauen, nach 64 Prozent im ersten Lockdown. Frauenverbände stellen allerdings keinen Rückgang der Ehegewalt fest.

Alles in allem resümiert der Ifop-Verantwortliche François Kraus, das stärkste Bedürfnis in Partnerschaften sei derzeit nicht so sehr erotischer, sondern affektiver Natur – der Wunsch nach Zuneigung und Zusammensein. Knapp die Hälfte aller Befragten vermissen in Coronazeiten in erster Linie Zärtlichkeit. Bei Alleinstehenden sind es sogar rund zwei Drittel.