Krieg
«Die Ukraine ist sehr stark vom Westen abhängig»: ETH-Strategieexperte zur Wirksamkeit der Himars und den Erfolgschancen einer Gegenoffensive

Strategieexperte Marcel Berni von der Militärakademie an der ETH Zürich schreibt den von den USA angepriesenen Himars einen taktischen Einfluss zu. Einem erfolgreichen Rückeroberungsversuch der von Russland besetzten Gebiete im Süden der Ukraine sieht er jedoch skeptisch entgegen.

Hans-Caspar Kellenberger
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Abschuss einer Rakete von einem Himars bei einer Militärübung in Marokko. Sind sie im Ukraine-Krieg wirklich so wirksam, wie es von Experten und Medien behauptet wird?

Abschuss einer Rakete von einem Himars bei einer Militärübung in Marokko. Sind sie im Ukraine-Krieg wirklich so wirksam, wie es von Experten und Medien behauptet wird?

Mosa’ab Elshamy / AP

Kürzlich hat die US-Regierung bekannt gegeben, der Ukraine vier weitere Mehrfachraketenwerfer vom Typ Himars (High Mobility Artillery Rocket System) zu liefern. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin sagte dazu, die Himars hätten «auf dem Schlachtfeld so viel bewirkt». Tatsächlich haben die bisher eingesetzten Himars auf dem Schlachtfeld in der Ukraine mehrere russische Munitionslager, Sammelplätze und Gefechtsstände getroffen.

Aber bewirken die Raketenwerfersysteme wirklich so viel, so wie es der US-Verteidigungsminister und mitunter zahlreiche Medien jüngst kommentierten? «Punktuell sicher», sagt Marcel Berni, Strategieexperte von der Militärakademie an der ETH Zürich. Denn: «Himars ermöglicht es der ukrainischen Artillerie zumindest an einigen Stellen, die russische Artillerie zu «überschiessen», d. h. Munitionsdepots und Kommandoposten mit grosser Präzision hinter den Frontlinien anzugreifen, ohne dem konzentrierten Gegenbeschuss ausgesetzt sein», sagt Berni.

Strategieexperte Marcel Berni von der Militärakademie an der ETH Zürich.

Strategieexperte Marcel Berni von der Militärakademie an der ETH Zürich.

Lucca Blum

Himars hat eine Reichweite von bis zu 80 Kilometern. Dadurch müssen die Raketenwerfersysteme nicht in Reichweite der russischen Artillerie abgefeuert werden, was den Einsatz erleichtert. Damit könne das ukrainische Heer nun beschränkte Offensivangriffe ausführen – eine Fähigkeit, die lange nur den russischen Verbänden vorbehalten war, so der Strategieexperte weiter. Somit wirken die Himars auf die Fähigkeit der Russen, Kräfte an die Front nachzuführen und behindern ihre Offensiven.

Himars haben «taktischen Einfluss»

Tatsächlich schien es so, dass die russische Artillerie zwischenzeitlich eine Pause einlegen musste. Zwischen dem 8. und dem 12. Juli zum Beispiel, nahm der Beschuss in der Ostukraine stark ab, wie eine Karte zu Hitzeanomalien auf der Welt der US-Raumfahrtbehörde Nasa nahelegt. Die Karte zeigt eine starke Bündelung von Hitzeanomalien wegen des Artilleriebeschusses entlang der Frontlinie in der Ostukraine auf.

Der Beschuss nimmt ab

Screenshot FIRMS (Nasa)

Stellt sich die Frage, ob die temporäre Abnahme des russischen Beschusses auf den vermehrten Einsatz von Himars – und die Zerstörung von russischen Munitionsdepots für Artilleriewaffen – oder andere, aus dem Westen gelieferte Waffensysteme zurückzuführen ist.

«Es sieht so aus, als ob viele russische Verbände in den letzten Wochen das Artilleriefeuer einstellen oder zumindest reduzieren mussten», sagt Berni. Und: «Moskau liess nach der Einnahme der ostukrainischen Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk verlauten, man befinde sich nun in einer operativen Pause. Diese wurde von den Ukrainern genutzt, um mit den zuletzt gelieferten amerikanischen Mehrfachraketenwerfern russischen Nachschub hinter den gehärteten Frontlinien nadelstichartig anzugreifen.» Damit soll dem russischen Artilleriefeuer die Munition und Versorgung genommen werden. Der ETH-Strategieexperte sagt:

«Ich gehe davon aus, dass Himars einen taktischen Einfluss auf das russische Vorgehen hat und die russischen Einheiten nun zwingen wird, den eigenen Nachschub dezentraler zu organisieren.»

Es sei zudem davon auszugehen, dass Himars im Süden der Ukraine durchaus erfolgreich eingesetzt werde. «Letzte Woche gab es einen spektakulären Angriff auf ein russisches Munitionsdepot bei Nowa Kachowka, der nach ukrainischen Angaben mit Himars ausgeführt wurde», sagt Berni.

Kann eine ukrainische Offensive Erfolg haben?

An besagter Südfront will die Ukraine jetzt eine eigene Offensive, für die Rückeroberung des von Russland besetzten Gebiets Cherson und der Schwarzmeerregion starten. Auch hier sollen Himars unterstützend wirken. Strategieexperte Berni sagt, dass es durchaus sein könnte, «dass das Momentum im Süden in den nächsten Wochen auf die Seite der Ukraine kippt».

Russische Soldaten bewachen ein Wasserkraftwerk in der südukrainischen Region Cherson. Die Region mit der gleichnamigen Provinzhauptstadt fiel den russischen Angreifern bereits in den ersten Kriegstagen in die Hände.

Russische Soldaten bewachen ein Wasserkraftwerk in der südukrainischen Region Cherson. Die Region mit der gleichnamigen Provinzhauptstadt fiel den russischen Angreifern bereits in den ersten Kriegstagen in die Hände.

AP

Er geht hier aber von einem zähen Stellungskrieg mit nur inkrementellen Gebietsgewinnen für die Ukraine aus. Denn: «Die Ukraine ist sehr stark vom Westen abhängig. Sie braucht für die angekündigte Gegenoffensive im Süden nicht nur Artillerie, sondern auch mechanisierte Transportfahrzeuge, Panzer, grosse Munitionsbestände und natürlich Ausbildung», sagt er. Und an gepanzerten Fahrzeugen beispielsweise, ist die Ukraine den russischen Streitkräften deutlich unterlegen. So ist es zu bezweifeln, dass der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski seine Ankündigung, die Gebiete im Süden zurückzuerobern, in absehbarer Zeit wahrmachen kann.