Konflikt
So steht es um den russischen Angriffskrieg in der Ukraine: Ein Überblick in 4 Punkten

Die Ost-Offensive in Russland ist zu einem Stellungskrieg verkommen. Russland schafft es, im Schneckentempo Gebietsgewinne zu machen. Währenddessen fordert die Ukraine nur eines: mehr Waffen.

Vanessa Hann und Dennis Frasch / watson.ch
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Im Osten der Ukraine tobt seit Wochen ein unerbittlicher Stellungskrieg. Es wird «buchstäblich um jeden Meter gekämpft», liess der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski am Wochenende verlauten.

Doch wo stehen sich Ukrainer und Russen gegenüber? Welche Gebiete konnten erobert werden, wo werden die Russen zurückgedrängt? Wie steht es mit den Waffenlieferungen und der «Ukraine-Ermüdung» im Westen? Ein Überblick.

1. Militärische Lage

Kurz gesagt: Die Ost-Offensive ist zu einem Stellungskrieg verkommen. Es ist davon auszugehen, dass er Krieg noch einige Zeit andauern könnte: Die russischen Streitkräfte sollen ihre Planung bis Oktober 2022 verlängert haben.

Die Frontlinie zieht sich nach wie vor von Charkiw im Nordosten über Luhansk und Donezk, bis zu den umkämpften Gebieten auf der Südachse rund um Melitopol und Cherson.

Die Frontlinie am Morgen des 13. Juni.

Die Frontlinie am Morgen des 13. Juni.

Institute for the study of war

Die heftigsten Kämpfe sind weiterhin im Osten der Ukraine zu verzeichnen. Vor allem die Grossstadt Sjewjerodonezk im Gebiet Luhansk war in den letzten Tagen und Wochen Schauplatz schwerer Gefechte. Die Lage dort sei die schlimmste im ganzen Land, sagte der Gouverneur des Gebiets Luhansk, Serhij Hajdaj, in einer am Sonntag veröffentlichten Videoansprache. «Es ist unmöglich, den Beschuss zu zählen.»

Die ukrainischen Verteidiger seien einem kaum vorstellbaren Dauerbombardement ausgesetzt. Täglich sterben bis zu 100 ukrainische Soldaten, wie ein Berater von Präsident Wolodimir Selenski kürzlich mitteilte, später war sogar von bis zu 200 toten Kämpfern die Rede.

Am Montagmorgen meldete die ukrainische Armee schliesslich den Verlust des Zentrums von Sjewjerodonezk. Russische Truppen hätten die Grossstadt im Gebiet Luhansk mit Artillerie beschossen und die ukrainischen Soldaten vertrieben. Die Kämpfe dauerten aber weiter an, hiess es.

In der Nacht auf Dienstag haben die russischen Streitkräfte auch die dritte Brücke über den Fluss Siverskij Donez zwischen Sjewjerodonezk und Lyssytschansk zerstört. Es war die letzte Möglichkeit, die belagerte Stadt zu verlassen. Die beiden anderen Brücken sind bereits zerstört.

Die Brücken zwischen Sjewjerodonezk und Lyssytschans

Die Brücken zwischen Sjewjerodonezk und Lyssytschans

Google Maps

Die US-Denkfabrik «Institute for the Sturdy of War» (ISW) ist die Taktik hinter den Angriffen auf die Brücken schleierhaft: «Die russischen Streitkräfte sollten versuchen, die Brücken zu erobern, anstatt sie zu zerstören.» Ansonsten würde es schwer werden, weiter nach Lyssytschansk vorzurücken.

Eine Erklärung für die Brückenbombardierung könnte laut dem ISW sein, dass die russischen Truppen darauf hoffen, die ukrainischen Verteidiger in Sjewjerodonezk in eine Falle zu locken, indem sie ihnen den Rückzug abschneiden. Der Preis einer umkämpften Flussüberquerung hält das ISW jedoch für zu hoch, um im Gegenzug nur eine relativ kleine Anzahl von ukrainischen Verteidigern zu erwischen.

Die Denkfabrik ist deswegen der Ansicht, dass die Russen damit rechnen, aus ihren Stellungen um Popasna ausbrechen zu können. So könnte man die Stadt Lyssytschansk einkesseln. Am Sonntag scheiterte ein solcher Versuch aber erneut.

Die russischen Streitkräfte scheinen die Grossstadt Sjewjerodonezk (Mitte rechts) eingenommen zu haben. Aus Popasna (unterster Kreis) konnten sie noch nicht ausbrechen.

Die russischen Streitkräfte scheinen die Grossstadt Sjewjerodonezk (Mitte rechts) eingenommen zu haben. Aus Popasna (unterster Kreis) konnten sie noch nicht ausbrechen.

Institute for the study of war

Generell lässt sich beobachten, dass die russischen Streitkräfte im Osten nur extrem langsam vorankommen. Ein Video von Nathan Ruser, Forscher am «Australian Strategic Policy Institute» ASPI, illustriert dies eindrücklich:

In Charkiw, im Nordosten der Ukraine, hat die ukrainische Armee derweil eine Gegenoffensive gestartet. Die russischen Streitkräfte mussten deswegen in die Rolle der Stellungshalter schlüpfen, um die Ukrainer von den umkämpften Frontlinien im Nordosten der Oblast Charkiw zurückzudrängen. Dafür beschossen sie am 12. Juni ukrainische Stellungen in und um Charkiw-Stadt. Doch bislang trägt das Vorhaben keine Früchte.

In Charkiw haben ukrainsiche Truppen eine Gegenoffensive gestartet.

In Charkiw haben ukrainsiche Truppen eine Gegenoffensive gestartet.

Institute for the study of war

Das ISW geht davon aus, dass die Russen um jeden Preis versuchen wollen, ein weiteres Vorrücken der ukrainischen Truppen in Richtung der russischen Grenze zu verhindern. Auch auf der Südachse sind die russischen Streitkräfte damit beschäftigt, bereits eroberte Gebiete zu halten.

Die langwierigen Kämpfe, das langsame Vorankommen der Russen und die Gegenoffensiven der Ukrainer legen den Schluss nahe, dass der Krieg noch länger andauern könnte. Dieser Ansicht ist auch der ukrainische Militärgeheimdienst. So soll die Planung der russischen Streitkräfte für 120 weitere Tage bis Oktober 2022 verlängert worden sein. Dies berichtete das ISW am Samstag unter Berufung auf Informationen von Geheimdienst-Vizedirektor Wadym Skibizkij. Das russische Militär werde seine Pläne abhängig vom Erfolg im Donbass aber weiter anpassen, dies geschehe nahezu monatlich.

Die Informationen deuteten nach Einschätzung des ISW darauf hin, dass der Kreml nicht daran glaubt, seine Ziele in der Ukraine schnell erreichen zu können. Es handele sich um einen Versuch des russischen Militärs, anfängliche Mängel der Offensive zu korrigieren.

Skibizkij sagte zudem, dass die russischen Streitkräfte über weitere 40 Kampfbataillone verfügten. 103 Bataillone seien bereits in der Ukraine. Nach Ansicht der Experten vom ISW ist es aber angesichts des Personalmangels an der Front unwahrscheinlich, dass das russische Militär einen so grossen Teil seiner Streitkräfte in Reserve halte. Es handele sich möglicherweise um zusammengewürfelte Einheiten.

2. Waffenlieferung

Kurz gesagt: Kiew braucht mehr Waffen und ist mit der aktuellen Belieferung durch seine westlichen Verbündeten unzufrieden. Besonders Deutschland komme seinen Versprechen nicht nach.

Die Rufe nach mehr militärischer Unterstützung werden lauter: In den letzten Tagen haben ukrainische Beamte ihre westlichen Verbündeten noch deutlicher als bisher ersucht, zusätzliche und stärkere Waffen zu liefern.

«Alles hängt jetzt davon ab, welche Waffen [der Westen] uns gibt», sagte Wadym Skibizkij, stellvertretender Leiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian».

Am Montag wurde Mychajlo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsdienten, dann konkret. Auf Twitter schrieb er, dass die Ukraine «1000 Haubitzen vom Kaliber 155 Millimeter, 300 Mehrfachracketenwerfer, 500 Panzer, 2000 gepanzerte Fahrzeuge, 1000 Drohnen» benötige, um den Krieg zu beenden. Kiew erwarte dazu am kommenden Mittwoch eine Entscheidung, dann treffen sich die Nato-Verteidigungsminister in Brüssel.

Die westlichen Staaten haben seit Kriegsbeginn immer wieder Lieferungen zugesichert. Allerdings scheint das nicht auszureichen. «Die Ukraine verfügt über eine Artillerieeinheit gegenüber 10 bis 15 russischen Artillerieeinheiten. Unsere westlichen Partner haben uns etwa 10 Prozent von dem gegeben, was sie haben», sagt Skibitsky gegenüber «The Guardian». Der ukraninische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow pflichtet diesen Worten in seinem Facebook-Post bei: «Ich kann nicht sagen, dass ich mit dem Tempo und der Menge der Waffenlieferungen zufrieden bin. Ganz und gar nicht.»

Was und wie viel bereits transferiert worden ist, lässt sich nur teilweise nachvollziehen. Viele Länder halten dies geheim. Neben Polen, den Nordischen Staaten, Grossbritannien, USA und Deutschland hat auch die Türkei Ausrüstung geliefert. Zwei aktuelle Entwicklungen sind besonders augenfällig:

Deutschland: Die Lieferung stockt

Die Bundesregierung hat der Ukraine Waffen und Rüstungsgüter im Wert von total 350,1 Millionen Euro zugesichert. Das berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am Wochenende. Bisher geliefert worden seien Panzerfäuste, Flugabwehrraketen, Splittergranaten und mehr als 20 Millionen Schuss Munition. Schwere Waffen wie Artilleriegeschütze und Flugabwehrpanzer wurden zwar zugesagt, aber noch nicht geliefert.

Das führt derzeit zu lautstarker Kritik. Besonders vom ukrainischen Botschafter in Berlin: «Es ist enttäuschend, wie langsam Deutschland Waffen in die Ukraine liefert», sagte Andrij Melnyk am Wochenende gegenüber dpa. Seit dem 3. Mai seien keine Waffen aus Deutschland in der Ukraine angekommen, nur sechs Millionen Schuss Munition. Bis heute warte man auf die Lieferung von schweren Waffen wie der Panzerhaubitze 2000 und des Gepard-Flugabwehrpanzers.

Der Diplomat macht derzeit erheblichen Druck, besonders über die Medien. «Die Ukrainer erwarten, dass der Bundeskanzler Olaf Scholz bei seinem Besuch in Kiew ein neues Hilfspaket deutscher Rüstungsgüter verkünden wird, das unbedingt sofort lieferbare Leopard-1-Kampfpanzer sowie Marder-Schützenpanzer beinhalten soll», sagte Melnyk zur dpa.

Seit Sonntag kursiert das Gerücht, dass Scholz noch im Juni nach Kiew reisen soll, zusammen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi. Der deutschen Zeitung «Bild am Sonntag» liegen entsprechende Dokumente vor. Genaueres weiss man allerdings nicht.

GB/USA: Raktenlieferung trotz Russlands Drohung

Vor einer Woche erklärte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace, dass Grossbritannien erstmalig Langstreckenraketen an die Ukraine liefern wird. Konkret handelt es sich um Mehrfachraketensysteme M270 MRLS. Wie viele davon geliefert werden, ist nicht bekannt. Der britische Rundfunk BBC geht von insgesamt drei aus.

Die Briten sind allerdings nicht die ersten: Anfangs Juni hat die Biden-Administration bereits bekannt gegeben, dass sie Mehrfachraketensysteme an die Ukraine liefern werden. Die USA will ihr eigenes M142 HIMARS spenden.

Das sind grosse Zugeständnisse, die Moskau verärgern. So sagte der russische Aussenminister Sergej Lawrow, dass die Lieferung von Raketen, die bis nach Russland fliegen könnten, «ein ernsthafter Schritt in Richtung einer nicht hinnehmbaren Eskalation» sein würde.

Das wollen die USA und Grossbritannien vermeiden. Um die Waffen zu erahteln musste Kiew garantieren, dass sie die Raketen nur für die Verteidigung und nicht für den Angriff brauchen würden. Hinzu kommt, dass weder die M270 MRLS noch die M142 HIMARS Raketen sind, die besonders weit kommen. Ziele wie Moksau könnten sie von der Ukraine aus nicht erreichen.

3. Die Haltung der Nato

Kurz gesagt: Aus dem Westen monieren immer mehr Stimmen, dass die Ukraine im Sinne des Friedens Gebiete an Russland abtreten soll. Selenski wirft dem Westen derweil «Kriegsermüdung» vor.

Die Rolle der Nato in diesem Krieg hat seit kurzem einen neuen Beigeschmack. Generalsekretär Jens Stoltenberg hat erstmals öffentlich die Frage gestellt, ob Gebietsabtretungen Kiews für einen Friedensschluss nötig seien.

Am Sonntag sagte Stoltenberg in einer Podiumsdiskussion bei seinem Besuch in Finnland: «Frieden ist möglich. Die Frage ist, wie viel Territorium (die Ukrainer) bereit sind zu opfern.»

Stolteberg ist mit dieser Position nicht allein. Bereits der ehemalige US-Aussenminister und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger stellte am Weltwirtschaftsforum in Davos in den Raum: Die Ukraine müsse für einen Frieden auf Gebiete wie die Krim oder Teile des Donbass verzichten.

Ukraine-Präsident Selenski wehrt sich derweil dagegen, voreilig zu Friendesverhandlungen gedrängt zu werden. Wie bereits der Blick und der deutsche Fernsehsender zdf berichtet haben, wirft Selenski dem Westen «Kriegsermüdung» vor. Kiew sorgt sich vor der schwindenden Unterstützung, je länger der Krieg dauert. Analystinnen und Analysten zufolge setzt Moskau wohl genau auf dieses erlahmende Interesse im Westen, in der Hoffnung, die Ukraine zu einer Einigung zu zwingen.

Grundsätzlich will die Nato aber die Position Kiews für künftige Friedensverhandlungen stärken, sagte Nato-Generalsekretär Stoltenberg am Sonntag. Auch mit weiteren Waffenlieferungen.

4. Getreide-Export

Kurz gesagt: Millionen Tonnen Getreide stecken in der Ukraine fest. Es wird versucht, die russische Seeblockade zu umgehen, beispielsweise mit einer neuen «Getreidebrücke».

Die russische Blockade am Hafen von Odessa dauert weiter an. Es herrscht seit Monaten Stillstand. Mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide stecken in Silos fest. Im Herbst könnte die Zahl laut Präsident Selenski auf 75 Millionen Tonnen steigen. Russische Frachter haben die Zufahrtsrouten blockiert und lassen kein ukrainisches Schiff mehr passieren. Auch sind die Gewässer vor den Häfen vermint.

EU-Handelskommissar Valdis Dombrovskis hat Russland vorgeworfen, Uno-Bemühungen um den Export von ukrainischem Getreide zu blockieren. Uno-Unterhändler bemühen sich seit Wochen darum, Millionen Tonnen Getreide auf den Weltmarkt zu bekommen, um Hungerkrisen in anderen Weltregionen abzuwenden.

«Es ist klar, wer für die Blockade verantwortlich ist», sagte Dombrovskis am Sonntag in Genf vor dem Auftakt der Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO). «Es ist an Russland, seine Aggression zu beenden und es ist an Russland, aufzuhören, die ukrainischen Exporte zu stoppen.»

Der Kreml hingegen pocht auf eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland, um die Seeblockade zu lockern. Jüngst zeigte sich die russische Regierung allerdings bereit, über Korridore für Agrarexporte zu sprechen. Die Ukraine reagierte darauf äussert skeptisch. Auch der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir zeigte sich bei seinem Besuch in der Ukraine misstrauisch: «Das wäre für die Ukraine Kamikaze, sich auf das Wort von Putin zu verlassen, ohne dass es glaubwürdige, wirksame militärische Garantien gibt, dass die Sicherheit der ukrainischen Häfen und der Schiffe abgesichert ist.»

Cem Özdemir besucht einen Landwirschaftlichen Betrieb in Jerkivcy, Ukraine.

Cem Özdemir besucht einen Landwirschaftlichen Betrieb in Jerkivcy, Ukraine.

Imago

Eine solche Garantie könnte aus Frankreich kommen. Wie ein Berater des französischen Präsidenten Emmanuel Macron gegenüber «Le Monde» sagte, sei Paris bereit, sich an einem möglichen Einsatz am Hafen von Odessa zu beteiligen. Ziel wäre es, Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen.

Bis es so weit ist, wird versucht, das Getreide auf Gleisen und Strassen ausser Land zu bringen. Laut EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski werden mittlerweile monatlich wieder fast zwei Millionen Tonnen Getreide exportiert. Vieles davon auf dem Landweg über Polen und nach Rumänien. Doch die Zeit drängt. Die nächste Ernte wird schon bald eingefahren.

Riesenstau von Getreidelaster an der moldawischen Grenze.

Riesenstau von Getreidelaster an der moldawischen Grenze.

Keystone

In Polen ist man dabei, die Abfertigungskapazitäten an den polnisch-ukrainischen Grenzübergängen zu erhöhen. So sollen bald bis zu 1,5 Millionen Tonnen pro Monat transportiert werden können.

In Deutschland arbeitet man derweil an einer «Getreidebrücke». Mittels eines Fonds und Bürgschaften soll der Transport über das Schienennetz vorangebracht werden. «Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass das Getreide aus der Ukraine über die Schiene abtransportiert werden kann, um so weltweite Hungersnöte zu verhindern», sagte der Schienenbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Michael Theurer, am Sonntag dem «Handelsblatt». So sollen «im optimistischen Fall» zehn von 23 Millionen Tonnen abtransportiert werden können.