Kidnapping
Aus der Schweiz zurück ins Land ihrer Kidnapper: Die Mali-Reise der Ex-Geisel Sophie Pétronin sorgt für rote Köpfe

Die in der Schweiz wohnhafte Ex-Gefangene Sophie Pétronin wird kritisiert: Kurz nach der beendeten Entführung ist sie erneut in den brandgefährlichen Sahel zurückgekehrt.

Stefan Brändle, Paris
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Sophie Pétronin, in einem Bild der Entführer, der Terrorgruppe "Nusrat al-Islam wal Muslimeen".

Sophie Pétronin, in einem Bild der Entführer, der Terrorgruppe "Nusrat al-Islam wal Muslimeen".

Keystone

Die französische Regierung ist erbost – und sie verhehlt es nicht. Ein Aufenthalt in einem gefährlichen Kriegsgebiet sei eine „Form von Verantwortungslosigkeit“, erklärte Präsidialsprecher Gabriel Attal. Gefährdet würden sich nicht nur die Geiseln selbst, sondern auch „unsere Soldaten, die sie unter Lebensgefahr zu befreien suchen“.

Adressat ist die humanitäre Helferin Sophie Pétronin. Die 76-jährige Frau ist, wie diese Woche bekannt geworden ist, von neuem nach Mali gereist, wo sie fast vier Jahre lang von Al Kaida-Terroristen als Geisel gehalten worden war. Im Oktober 2020 war sie zusammen mit zwei Italienern und einem Malier freigekommen. Frankreich und womöglich auch andere Länder zahlten einen hohen Preis: Dem Vernehmen erhielten die Entführer zehn Millionen Euro sowie die Freilassung von 200 Jihadkämpfern und -sympathisanten. Der französische Präsident Emmanuel Macron empfing Pétronin nach ihrer Freilassung persönlich.

Oktober 2020: Emmanuel Macron empfängt die zurückgkeherte Geisel und ihre Familie am Pariser Militärflugplatz Villacoublay.

Oktober 2020: Emmanuel Macron empfängt die zurückgkeherte Geisel und ihre Familie am Pariser Militärflugplatz Villacoublay.

Keystone

Darauf zog sich die befreite Geisel in ein Dorf im Kanton Neuenburg zurück, wo auch ihr Ehemann und ihr Sohn leben. Sophie Pétronin kennt die Westschweiz gut. Die in Bordeaux geborene Französin hatte in Genf und dann im Wallis als Laborantin gearbeitet, bis sich ihr Leben 1996 bei einem Besuch der malischen Stadt Gao radikal änderte. Um die Armut und das Elend jener Sahelzone zu bekämpfen, gründete sie in Lausanne das Hilfswerk «Aide à Gao» (Hilfe für Gao).

Nach einer medizinischen Fortbildung in der Schweiz hielt sie sich regelmässig in Gao auf, wo sie ein Mädchen adoptierte. Auch trat sie zum Islam über und nahm den Vornamen Mariam an. 2012, als die Islamisten von Libyen aus in die malische Wüstenzone einfielen, entging sie einer ersten Geiselnahme knapp. Ende 2016 wurde sie aus ihrem roten, weitherum bekannten Kleinwagen wirklich entführt, um erst im Oktober 2020 freizukommen.

Von Genf Cointrin aus nach Mali

Diese Woche haben Pariser Medien bekanntgemacht, dass Pétronin schon vor einem halben Jahr nach Mali zurückgereist ist. Obwohl sie offiziell immer noch von Interpol gesucht wird und keine Reiseerlaubnis hat, flog sie mit ihrem Sohn vom Genfer Flughafen nach Dakar (Senegal); von dort reisten sie per Car, Kleinbus und Bakschisch in die malische Hauptstadt Bamako. Laut dem Pariser Onlinemagazin Mediapart war die Helferin auch in der Provinzstadt Sikasso, die nicht zuletzt wegen Entführungen in der gefährlichsten «roten Zone» des französischen Aussenministeriums liegt.

Sophie Pétronin nach ihrer Bekehrung zum Islam, der Hauptreligion Malis.

Sophie Pétronin nach ihrer Bekehrung zum Islam, der Hauptreligion Malis.

Keystone

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) erklärte auf Anfrage, es nehme keine Stellung zum Fall, da es sich um eine «Privatperson ohne Schweizer Staatsbürgerschaft» handle. In Paris äussern dagegen auch Politiker und Parteien Empörung. Die Sozialisten geben sich «verständnislos», und die Rechtspopulistin Marine Le Pen bezeichnet Pétronins Verhalten als „undankbar, unanständig und unwürdig“. In den sozialen Medien wird Pétronin gar «Absprache mit dem Feind» vorgehalten, da sie die Jihadisten einmal als «bewaffnete Oppositionsgruppen» bezeichnet hatte. Andere vermuten, dass Pétronin sich mit den Entführern identifiziert habe, wie man es vom Stockholm-Syndrom her kennt.

Dieser Vorwurf geht wohl zu weit: Sophie Pétronin war schon Jahre zuvor zum Islam konvertiert und hatte auch den Dialekt von Gao gelernt. In Reaktion auf die Empörung in Paris erklärte sie nun telefonisch zu einem französischen Journalisten: «Warum soll ich verantwortungslos sein? Ich bin hier zuhause. Ich belästige niemanden und niemand belästigt mich.»

Schweizer Geisel Stöckli überlebte nicht

Die Geiselnehmer hatten allerdings durchaus einen Unterschied zwischen der Neo-Moslemin Pétronin und einer Schweizerin gemacht: Die Missionarin Beatrice Stöckli starb vor gut einem Jahr als einzige der Geiselgruppe mit Pétronin; wahrscheinlich wurde sie von Islamisten erschossen, weil sie sich auflehnte.

Beactrice Stöckli nach der Befreiuung aus ihrer ersten Geiselhaft im Jahr 2012.

Beactrice Stöckli nach der Befreiuung aus ihrer ersten Geiselhaft im Jahr 2012.

Keystone

Die verstorbene Baslerin war ihrerseits schon einmal in Geiselhaft gewesen und vermutlich freigekauft worden. Bei aller Anteilnahme sorgte ihr Fall in der Schweiz für neue Debatten. Angeheizt wird sie neu durch den aktuellen Kinofilm «Und morgen seid ihr tot» über die Geiseln Daniela Widmer und David Och in Pakistan.

Neue Geisel in Mali

In Frankreich rührt die Kritik an Sophie Pétronin auch daher, dass sie vor fünf Jahren in einem Bericht ihres Hilfswerkes «Aide à Gao» selber geschrieben hatte: «Die Gefahr von Attentaten und Entführungen westlicher Bürger ist nach wie vor sehr hoch in ganz Mali.» In diesem April, als sie nach Bamako reiste, war ein weiterer Franzose, der Journalist Olivier Dubois, bei einem Interviewtermin mit einem Jihad-Chef in Gao entführt worden. Eine lokale Al Kaida-Gruppe bekannte sich darauf in einem Video zur Entführung.

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