Traurige Schicksale
Keine Obdachlosen mehr bis 2030: So will die EU das rasch wachsende Problem lösen

Die EU will Menschen ohne Wohnsitz von den Strassen wegbringen. Wie das gehen könnte, zeigt ein neuer Ansatz aus Finnland.

Manuel Meyer, Madrid
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Nicht nur in Spanien hat die Zahl der Obdachlosen in der Pandemie zugenommen, sondern auch in der Schweiz.

Nicht nur in Spanien hat die Zahl der Obdachlosen in der Pandemie zugenommen, sondern auch in der Schweiz.

Bild: AP (Barcelona,
4. März 2021)

Eingemummelt in einer Decke sitzt Alberto im Arkadengang der Madrider Plaza Mayor vor einem kleinen Schild aus Karton. Er bittet um Spenden. «Geld, Essen. Ich bin für alles dankbar», sagt er. Alberto, 58, war einst Immobilienmakler. Doch als vor 13 Jahren in Spanien die Immobilienblase platzte, verlor auch er seinen Job. Er geriet in eine verhängnisvolle Spirale, fing an zu Trinken und verlor alles – auch seine kleine Mietwohnung in der Innenstadt.

Auf den Staat kann er anscheinend nicht zählen. «Richtige Hilfsprogramme für Menschen wie mich gibt es in Spanien nicht», bedauert Alberto. Er sei aufs Betteln angewiesen, was mit den Corona-Ausgangssperren im vergangenen Jahr sehr schwer war.

Alberto ist einer von rund 700'000 Menschen in Europa, die Laut dem Europäischen Dachverband nationaler Organisationen der Wohnungslosenhilfe derzeit kein Dach über dem Kopf haben. Das sind 70 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Und Experten befürchten, die Corona-Pandemie könnte die Situation noch verschärfen.

Neue Mietwohnung statt Therapie

Deshalb will die EU den Kampf gegen die Obdachlosigkeit verstärken und rief am Montag in Lissabon eine «Europäische Plattform zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit» ins Leben. Ziel ist es, bis 2030 die Obdachlosigkeit in Europa auszuradieren.

700'000 Menschen leben in Europa schätzungsweise auf den Strassen.

700'000 Menschen leben in Europa schätzungsweise auf den Strassen.

Keystone

Die Plattform soll den EU-Mitgliedstaaten, Kommunen und Dienstleistern ermöglichen, sich gegenseitig auszutauschen, um neue Ansätze zu finden für die Bewältigung der Obdachlosigkeit in Europa. In der EU sind bis heute die einzelnen Staten für ihre Sozialpolitik zuständig. Die Unterschiede im Umgang mit Obdachlosen sind gross.

Im Zentrum der neuen Plattform steht die Unterstützung von Hilfsorganisationen, Präventionsprogramme, die Bereitstellung von Wohnraum, aber auch Strategien zur Entkriminalisierung von Obdachlosigkeit sowie die Integration von Obdachlosen in den Arbeitsmarkt.

Für Nicolas Schmit, EU-Kommissar für Beschäftigung und soziale Rechte, ist die Bekämpfung der Obdachlosigkeit in Europa eine absolute Priorität. Er sagt:

«Es sind nicht nur um die Menschen, die wir täglich auf den Strassen sehen. Obdachlosigkeit ist viel mehr als das, und oft betrifft es ganze Familien. Wir müssen dafür sorgen, dass sie ein Dach über dem Kopf bekommen – und eine echte Perspektive für ein menschenwürdiges Leben in der Mitte unserer Gesellschaft.»

Besonders schwer haben es Obdachlose in Ungarn, wo das Schlafen auf der Strasse seit 2018 verboten ist. Länder wie Finnland hingegen haben bei der Bekämpfung der Obdachlosigkeit grosse Erfolge mit der «Housing First»-Strategie erzielt.

Das Prinzip ist ganz einfach: Wer in Finnland obdachlos wird, bekommt schnell eine neue Wohnung zugeteilt – inklusive Mietvertrag und ohne Bedingungen. Selbst Therapie- und Betreuungsangebote sind freiwillig. Niemand muss zuerst «seine Probleme» lösen, bevor er wieder ein Dach über dem Kopf hat.

Schweiz kopiert finnisches System

Das scheint bislang aufzugehen: Finnland ist das einzige EU-Land, das die Zahl seiner Obdachlosen seit 2010 erheblich senken konnte – und zwar um ganze 39 Prozent. Viele EU-Länder wie Deutschland, Österreich und Dänemark folgen dem Ansatz.

Auch in der Schweiz hat die Zahl der Obdachlosen laut der Heilsarmee zugenommen – besonders in Genf.

Auch in der Schweiz hat die Zahl der Obdachlosen laut der Heilsarmee zugenommen – besonders in Genf.

Keystone

Auch in der Schweiz beobachtet etwa die Heilsarmee eine deutliche Zunahme von Obdachlosen – vor allem in Genf. Eine offizielle Studie zum Problem soll noch dieses Jahr publiziert werden. Klar ist: Das finnische «Housing First»-Prinzip könnte dem Obdachlosenproblem auch hierzulande entgegenwirken. In Basel hat die Heilsarmee bereits ein «Housing First»-Projekt begonnen. Ähnliche Initiativen werden derzeit auch in Zürich und in Bern ausgearbeitet.

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