Weissrussland
Lukaschenkos Regime lässt Journalisten Roman Protassewitsch aus dem Gefängnis – doch dessen Pein dauert an

Das Minsker Regime hat den Blogger in Hausarrest entlassen. Kommt bald auch die Schweizer Gefangene Natallia Hersche frei?

Paul Flückiger, Warschau
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Im Hausarrest: Protassewitsch und Sapega.

Im Hausarrest: Protassewitsch und Sapega.

Bild: EPA/Keystone

Welch ein Kontrast zu den Folterspuren in den Geständnis-Filmen kurz nach der Festnahme auf dem Minsker Flughafen vor Monatsfrist: Roman Protassewitsch steht mit rotem T-Shirt und Jeans in der Minsker Sommersonne, neben ihm seine Freundin Sofia Sapega im weissen Kleid. Die Aufnahmen aus dem Minsker Gorki-Park stammen aus einem neuen Propagandafilm des weissrussischen Staatsfernsehens. Gemacht wurden sie vermutlich kurz bevor das im Mai aus einem Ryanair-Flieger heraus verhaftete Paar aus dem KGB-Gefängnis entlassen und in den Hausarrest in zwei Minsker Mietwohnungen überführt worden war.

Die Nachricht der überraschenden Entlassung sorgte am Freitag in Minsk für Furore. Im Hausarrest sollen nun beide auf ihren Prozess wegen Anstiftung von Massenunruhen warten. Dem Blogger Protassewitsch drohen 15 Jahre Arbeitslager, seine Partnerin Sapega könnte mit etwas weniger davonkommen. «Die Angeklagten erklärten sich bereit, Komplizen zu entlarven und alles zu tun, um den durch die Verbrechen entstandenen Schaden wiedergutzumachen», begründete das Untersuchungskomitee am Freitag die Hafterleichterungen.

Körnig und verschwommen: Protassewitsch und Sapega diese Woche bei Filmaufnahmen des Staatsfernsehens im Minsker Gorki-Park.

Körnig und verschwommen: Protassewitsch und Sapega diese Woche bei Filmaufnahmen des Staatsfernsehens im Minsker Gorki-Park.

Telegram

Die beiden Oppositionellen hatten nach der Zwangslandung des Ryanair-Flugzeugs «Geständnisse» abgelegt und Reue gezeigt. Protassewitsch behauptete in einem Interview mit dem Staatsfernsehen ONT vor zwei Wochen gar, er «achte» den Autokraten Alexander Lukaschenko.

Gerüchte über Entlassung von Natallia Hersche

Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja zeigte sich erfreut über die Überführung der beiden in den Hausarrest, wies aber darauf hin, dass dieser nicht mit der Freiheit gleichzusetzen sei. Sie betonte:

«Jeder Schritt wird von Aufpassern überwacht. Die beiden sind immer noch Geiseln.»

Internetzugang oder das Recht auf Besuch haben sie nicht.

Warum sich das Regime für die überraschende Hafterleichterung entschieden hat, ist unklar. Sofia Sapegas Anwalt Anton Gaschinski erklärte gegenüber dem russischen Internetfernsehen Doschd, dass der Hausarrest eine Frucht des kürzlichen Treffens von Lukaschenko mit Putin in Sotschi sein könnte. Die russische Staatsbürgerin Sapega habe ihre Eltern bereits in einem Restaurant treffen dürfen.

Auf weissrussischen Telegram-Kanälen kursierende Gerüchte, wonach am Freitag auch die in der Strafanstalt Gomel inhaftierte schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin Natallia Hersche aus der Haft entlassen werden sollte, haben sich bis Redaktionsschluss allerdings nicht bestätigt.

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