Italien
Postfaschisten in Umfragen erstmals stärkste Kraft: Giorgia Melonis Marsch auf Rom

Hundert Jahre nach Benito Mussolinis Machtübernahme 1922 führt mit den Fratelli d’Italia nun erstmals eine postfaschistische Gruppierung in landesweiten Umfragen.

Dominik Straub, Rom
Drucken
Ihn hat sie bereits abgehängt: Giorgia Meloni (rechts), Chefin der Fratelli d'Italia, mit Matteo Salvini.

Ihn hat sie bereits abgehängt: Giorgia Meloni (rechts), Chefin der Fratelli d'Italia, mit Matteo Salvini.

Riccardo Antimiani / EPA

Am 27. Oktober 1922 hatte Mussolini seine faschistischen Verbände auf den «Marsch auf Rom» geschickt; drei Tage später, am 30. Oktober, wurde er von König Vittorio Emanuele III. zum neuen Ministerpräsidenten Italiens ernannt. Nach der Machtergreifung verwandelte der «Duce» sein Land in eine totalitäre Diktatur, verbündete sich mit Adolf Hitler, verlor mit Nazideutschland den Krieg.

Und heute, hundert Jahre nach dem «Marsch auf Rom», führt in Italien erstmals wieder eine Partei die Umfragen an, deren ideelle Wurzeln im «ventennio» liegen, also in den zwei Jahrzehnten der Mussolini-Diktatur.

Konkurrenten im Rechtslager verlieren an Boden

Die postfaschistischen Fratelli d’Italia (Brüder Italiens, FDI) von Giorgia Meloni kommen in einer von der Zeitung «La Repubblica» am Freitag publizierten Befragung auf 22,3 Prozent der Stimmen und liegen damit erstmals auf Platz eins. An zweiter Stelle folgt der sozialdemokratische Partito Democratico mit 21 Prozent und auf Platz drei die rechtspopulistische Lega von Ex-Innenminister Matteo Salvini mit 15,6 Prozent.

Natürlich handelt es sich bloss um eine Umfrage, und bis zu den Parlamentswahlen im März 2023 können sich die Werte noch ändern. Aber der Trend ist klar: Giorgia Melonis Fratelli d’Italia befinden sich auf einem Höhenflug, während der Konkurrent im Rechtslager, Matteo Salvini, immer mehr an Boden verliert.

Flamme auf dem Grab des Duce im Parteilogo

Man kann und muss sich fragen, wie «faschistisch» Giorgia Meloni und ihre Brüder Italiens tatsächlich noch sind. Fest steht, dass es sich bei der Partei um eine Nachfolgeorganisation des postfaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) handelt, das unmittelbar nach dem Krieg von Mussolini-Verehrern gegründet worden war.

Im Parteilogo der Fratelli d’Italia ist noch immer die Flamme auf dem Grab des Duce zu sehen, die schon das Parteiemblem des MSI dominiert hatte. Und fest steht auch, dass sich in Melonis Partei bis heute unzählige hartgesottene Mussolini-Nostalgiker tummeln, und zwar nicht nur unter dem Wahlvolk, sondern auch unter den Amtsträgern: Immer wieder machen FDI-Parlamentarier Schlagzeilen mit dem «saluto romano», dem Faschistengruss mit ausgestrecktem Arm, oder mit Lobeshymnen auf den Duce und manchmal sogar auf Hitler.

Giorgia Meloni selber kann dagegen kaum als harte Faschistin bezeichnet werden. Die heute 45-jährige Römerin aus dem ehemaligen Arbeiterviertel Garbatella war zwar schon im Alter von 15 Jahren der Fronte della Gioventù («Jugendfront») des MSI beigetreten, aber inzwischen steht sie einigermassen klar auf dem Boden des demokratischen Rechtsstaats und gibt sich als moderne und emanzipierte Frau und Mutter, die mit den ewiggestrigen Mussolini-Anhängern und den neofaschistischen Schlägern in ihrer Partei wenig gemein hat.

Faschisten haben offenbar Platz in der Partei

Aber so richtig distanzieren will sie sich dennoch nicht: «Bei den Fratelli d’Italia gibt es keinen Platz für Rassisten, Antisemiten und Neonazis», erklärte sie unlängst. In der Aufzählung der Unerwünschten fehlen nicht zufällig die Faschisten, die offenbar sehr wohl Platz haben.

Italien hat unter Mario Draghi seit seinem Amtsantritt als Regierungschef vor 15 Monaten sehr viel an internationalem Ansehen und Vertrauen zurückgewonnen. Aber parallel dazu existiert ein zweites Italien mit einer Parteipolitik, die noch von Faschisten und Kommunisten bevölkert wird, in der der frühere Skandal-Premier Silvio Berlusconi weiterhin ein wichtiges Wort mitredet.

Und dieses andere Italien, das komplett aus der Zeit gefallen scheint, könnte schon in zehn Monaten, wenn Mario Draghis Amtszeit als Premierminister abläuft, wieder das Kommando übernehmen. Womöglich mit der Postfaschistin Meloni als erster Ministerpräsidentin Italiens, und mit Salvini und Berlusconi als Koalitionspartnern.

Aktuelle Nachrichten