Interview
Schweizerin im Dauer-Lockdown in Melbourne: «Die Menschen haben die Schnauze voll»

Seit Beginn der Pandemie galt in Melbourne an 247 Tagen ein sehr strikter Lockdown. Was macht das mit den Menschen? Die gebürtige Zürcherin Barbara Kündig lebt seit 24 Jahren Down Under und erzählt von Frust, der sich immer mehr aufstaut.

Dennis Frasch/watson.ch Jetzt kommentieren
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In Melbourne darf man nur mit gutem Grund das Haus verlassen. Und das seit insgesamt bereits 246 Tagen.

In Melbourne darf man nur mit gutem Grund das Haus verlassen. Und das seit insgesamt bereits 246 Tagen.

Keystone

Frau Kündig, Sie sind vor über 20 Jahren nach Melbourne gezogen, weil es damals die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit war. Ist dem immer noch so?

Barbara Kündig: Die Stadt selbst ist immer noch sehr schön, ja. Auch, wenn wir nicht viel davon sehen momentan.

Melbourne ist jetzt kumuliert seit 247 Tagen im Lockdown. Weltrekord. Wie waren die letzten 18 Monate für Sie?

Eigentlich kann ich mich nicht beklagen. Ich habe ein Haus mit Garten und ich konnte die letzten 18 Monate weiterhin arbeiten. Trotzdem: Wir stehen im Grunde genommen unter Hausarrest. Und manchmal fragt man sich schon, wieso eigentlich. Die Regeln hier sind so kompliziert und willkürlich.

«Menschen bleiben wochenlang an den Staatsgrenzen stecken und können nicht nach Hause kommen, oder sie können ihre kranken Familienmitglieder in einem anderen Staat nicht besuchen»

Können Sie mir Beispiele nennen?

Es gilt eine Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr. In dieser Zeit darf man theoretisch nicht mal mit seinem Hund Gassi gehen. Dann darf man sich seit kurzem bis zu 15 Kilometer vom Haus entfernen. Lange Zeit waren es nur fünf Kilometer. Und dies auch nur um zu arbeiten, um einzukaufen oder um zu trainieren. Wobei nur jemand vom Haushalt einkaufen gehen darf. Oder nur innerhalb des Haushaltes draussen trainiert werden darf.

Und bei Ihnen gibt es auch eine australische Version des kantonalen Flickenteppichs, was die Regeln angeht?

Ja. Man ist jetzt nicht mehr Australier, sondern Viktorianer. Oder West-Australisch. In der Schweiz konnte man wenigstens noch von Zürich nach Zug, hier sind die Grenzen innerhalb der Bundesstaaten geschlossen. Das führt mitunter zu absurden Situationen: Menschen bleiben wochenlang an den Staatsgrenzen stecken und können nicht nach Hause kommen, oder sie können ihre kranken Familienmitglieder in einem anderen Staat nicht besuchen, auch wenn sie geimpft und negativ getestet sind. Im selben Land, das ergibt keinen Sinn, das spaltet.

Zur Person

Barbara Kündig ist gebürtige Zürcherin und lebt mit ihrem Mann seit 1997 in Melbourne. Die 58-Jährige ist selbstständig im Immobilienbereich tätig und gleichzeitig Präsidentin des Swiss Club of Victoria, einem Club von und für Schweizer und Schweizerinnen im australischen Bundesstaat Victoria.

Verfolgt Australien immer noch eine Zero-Covid-Strategie?

Jein. Victoria und New South Wales sind mittlerweile so weit, dass sie gesagt haben, wir müssen mit dem Virus leben. Auch hiess es, dass es bei einer Impfquote von 80 Prozent, welche wir bald erreichen, keine Lockdowns mehr gibt. Die Regierungen in Queensland und Western Australia wollen davon aber nicht wissen und haben bereits angekündigt, ihre Grenzen nicht zu öffnen. Es ist absurd.

Was für eine Strategie würden Sie sich denn wünschen?

Diese Zero-Covid-Strategie funktioniert einfach nicht. Und sie ist unverhältnismässig. Allein schon die grundlegende Idee dahinter, dass wir bei uns kein Corona haben sollen, ist utopisch. Wir sind nicht besser oder anders als andere Länder. Ich wünschte mir, dass die Regierung ehrlich mit uns ist. Wir sind im Lockdown, weil das unterfinanzierte Gesundheitswesen nicht mithalten kann. All das Geld, dass wir mit Lockdown vergeudet haben, hätten wir von Anfang an ins Gesundheitswesen stecken können.

Wie ist die generelle Stimmung in der Bevölkerung von Melbourne? Sieht man das auch so?

Ich glaube schon. Die Zero-Covid-Strategie, der nie endende Lockdown und der Freiheitsentzug hat mittlerweile dazu geführt, dass viele Leute einfach machen, was sie wollen. Es ist ihnen langsam egal, sie haben die Schnauze voll. Und das führt wahrscheinlich auch dazu, dass die Fälle nun rasant steigen, trotz rigidem Lockdown.

Gibt es in Australien kein Covid-Zertifikat?

Doch, das kommt jetzt dann. Das kriegt man aber nur, wenn man geimpft ist. Genesene oder Getestete kriegen keines. Und für viele Branchen hat man bereits angekündigt, dass nur noch geimpfte Personen arbeiten dürfen. In der Baubranche, welche seit Beginn der Pandemie arbeiten durfte, hat dies für einen riesigen Aufschrei und Proteste gesorgt.

«Wer will schon seinem Freund sagen, dass er sich verziehen soll, weil er nicht geimpft ist?»

Und im privaten Rahmen: Haben Geimpfte keine Privilegien?

Doch. Fünf geimpfte Personen aus maximal zwei Haushalten dürfen sich draussen treffen. Kontrollieren muss man dies selbst. Aber wer will schon seinem Freund sagen, dass er sich verziehen soll, weil er nicht geimpft ist? Der Staat führt also Regeln ein und will, dass wir uns gegenseitig kontrollieren. Ich finde das schrecklich.

Wie sieht es aus mit der staatlichen Unterstützung?

Der Staat kümmert sich schon finanziell um uns. Geschäfte, die geschlossen sind, bekommen staatliche Zuschüsse und die Angestellten Arbeitslosengeld. Trotzdem drängt sich die Frage auf, was die langfristigen Konsequenzen sind, nicht nur finanziell, aber auch emotional und gesundheitlich für Familien und Unternehmen.

Gibt es auch Dinge, bei denen Sie sagen können: Doch, das haben wir gut gemacht?

Der Gedanke hinter der Zero-Covid-Strategie war anfangs ja nicht schlecht. Dass die Grenzen geschlossen wurden und wir uns als Insel isoliert haben, das hat sicher Sinn ergeben. Auch
die nationale Taskforce war eine gute Idee. Mittlerweile geht es bei Covid aber nur noch um politische Machtspiele. Nächstes Jahr sind nationale Wahlen. Sowohl die Labour-Partei als auch die Liberals wollen sich gegenseitig ausstechen und die Wahlen gewinnen. Der Gesundheitsaspekt spielt mittlerweile keine Rolle mehr.

Wenn der Lockdown dereinst aufgehoben wird, was werden Sie als Erstes tun?

Nichts Spezielles. Freunde besuchen, spontan etwas unternehmen. Raus gehen, ohne dass man das Gefühl hat, sich gleich vor der Polizei rechtfertigen zu müssen. Alltägliche Sachen halt, die momentan fehlen.

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